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Grafschaft Rietberg

Die Besiedlung des Rietberger Raumes

Grafschaft Rietberg, zwischen 1645 und 1666

Das Gebiet der späteren Grafschaft Rietberg war sicher schon in der Steinzeit bewohnt. Erste schriftliche Nachrichten gibt es aber erst aus dem 10./11. Jhd. Es werden aber viele Vollmeierhöfe bis in die karolingische Zeit zurückreichen, ohne dass dies durch schriftliche Nachrichten belegt werden könnte.

Nachdem die Vollmeierhöfe der wachsenden Bevölkerung nicht mehr genügend Höfe bereitstellten, wurden die Höfe z. T. geteilt und evtl. mit "Zuschlägen" zu neuen Vollmeier- oder zu Halbmeierhöfen ausgestattet.

Die nächste Siedlungsschicht nannte man dann Zweitäger, weil diese Höfe 2 Tage mit Pferden dem Grafen zu dienen hatten.

Als das Land immer dichter besiedelt werden mußte, kamen die Eintäger oder Neuwöhnerstätten im 16. und 17. Jahrhundert hinzu.

Während die Vollmeierhöfe viel Land hatten, stand jeder neuen Besiedlungsschicht weniger zur Verfügung.

Nach den Eintägern kamen als unterste Schicht noch die Heuerlinge, die kein eigenes Land hatten und bei einem Hof "einheuerten", d. h. sich einmieteten. Heuerlinge führten vor 1820 keinen Namen, sondern wurden nur nach den jeweiligen Höfen benannt, z.B. Johann und Maria Catharina bey Meyer Höke. Zogen diese Eheleute dann auf einen anderen Hof, so konnten sie z. B. Johann und Maria Catharina bey Ellebracht Hülseweh heißen. Lateinisch ausgedrückt "Johann et Maria apud Ellebracht Hülseweh".
(Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/19/Grafschaft_Rietberg.jpg/220px-Grafschaft_Rietberg.jpg)


Das alte Geschlecht der Grafen von Rietberg

Schloss Rietberg um 1800

(Schlelein, M., Meineidige Gesellen, S. 33)


stammt aus dem Hause der Grafen von Arnsberg. Im Vertrag vom 1. 9. 1237 teilen die Brüder Graf Gottfried von Arnsberg und Graf Konrad von Rietberg die väterlichen Güter. Dieser Vertrag war die Geburtsstunde der Grafschaft Rietberg.

Die Linie der alten Grafen von Rietberg aus dem Haus Arnsberg-Cuyk starb im Mannesstamme mit Graf Johann II. im Jahre 1562 aus. Die Grafschaft Rietberg wird über die Tochter Walburgis, die 1577 den Grafen Enno von Ostfriesland geheiratet hatte, weitervererbt. Das neue Geschlecht aus dem Hause Cirksena nennt sich Graf von Ostfriesland und Rietberg und regiert im Mannesstamm mit Ferdinand Maximilian bis zum Jahre 1687.

Die erst nach dem Tode des Vaters am 4. 8. 1687 nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr geborene Erbtochter Maria Ernestine Franziska heiratet 1699 im Alter von 17 Jahren Maximilian Ulrich Graf von Kaunitz. Er stammt aus einem mährischen Geschlecht, das mit ihrem Sohn Wenzel Anton einen der bedeutendsten Staatsmänner der k. u. k. Monarchie stellte und 1764 in den Fürstenrang erhoben wurde.

Die Grafschaft wurde 1807 mediatisiert, und der letzte Fürst, Dominicus Andreas, verkaufte die Güter der ehemaligen Grafschaft Rietberg an den Kaufmann Tenge in Niederbarkhausen.




Schloss Holte

Schloss Holte, 1864,

( www.kaunitz-rietberg.de)


Durch Einheiraten in die Grafschaft Rietberg bedingt hatten die Grafen ihren Sitz in verschiedenen Burgen und Schlössern.
Dem alten Rietberger Grafengeschlecht gehörte neben seiner Wasserburg in Rietberg noch Schloß Holte als Jagdschloß und später Eggeringehausen bei Mellrich als Witwensitz.
Neben Schloß Rietberg war Schloß Holte ein beliebter Jagdsitz der Grafen von Rietberg, hier die Ansicht von Dunker aus dem Jahre 1864.
Das etwa 300 Jahre alte Haus "in Holte" am Ostrand des Holter Waldes wurde 1556 durch Bernhard von der Lippe zerstört. Graf Johann II. von Ostfriesland und Rietberg und seine Gattin Sabina Catharina bauten den Jagdsitz 1608 - 1618 neu auf. 1822 erwarb die Familie Tenge auch Schloß Holte.




Zentrales Territorium


der Grafen von Rietberg war die Grafschaft Rietberg. Sie bestand aus den Bauerschaften

► Bokel
► Bornholte
► Druffel
► Liemke
► Mastholte
► Moese
► Neuenkirchen
► Oesterwiehe
► Rietberg
► Sende
► Varensell
► Verl
► Westerwiehe

Die Grafschaft bildete bis 1821 mit dem Amt Reckenberg und der Herrschaft Rheda eine Exklave des Fürstbistums Osnabrück. Grenznachbarn waren neben den Fürstbischöfen von Paderborn, Münster und Osnabrück noch das preußische Ravensberg. Daneben gehörten den Grafen auch noch einzelne Herrschaften.



Neuansiedlung neuer landwirtschaftlicher Betriebe

Besitzstandskarte im Urkataster von 1821

(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 7)


Nach den großen Einbußen, die die Bevölkerung im Spätmittelalter durch die Pestepidemien hinnehmen mußte, begann die Einwohnerzahl im 15. und 16. Jahrhundert langsam wieder zu wachsen. So entstanden neben den Althöfen (Vollmeier) und den Teilungshöfen (Halbmeier) neue landwirtschaftliche Betriebe. Sie wurden nach dem Rietberger Landrecht [142 KB] als Zweitäger oder Eintäger bezeichnet. Diese kleineren Colonate entstanden als Absplisse von den Althöfen oder als gezielte Neuansiedlungen am Rande der gemeinen Mark, der Allmende. Die Bevölkerungsverdichtung führte nun zu einer immer stärkeren Nutzung dieser gemeinsamen Wirtschaftsflächen, so dass der Wald langsam bis auf wenige Reste verschwand und Heide an seine Stelle trat.
Auch die neu entstandenen Kötterstellen sind als Eigenbehörige dem Rietberger Grafen verpflichtet. Aus den ältesten noch vorhandenen Heberollen der Grafschaft Rietberg, der "Pacht Geldtz Ordnung unnd Inname anno nostre salutis 1554" erfahren wir die Anzahl der Hofstellen zu Beginn des 16. Jahrhunderts:

Bauerschaft Vollmeier Halbmeier Zweitäger Eintäger
Liemke 7 2 7 -
Sende 3 17 12 3
Bornholte 5 19 26 15
Wehe 4 13 27 10
Verl 8 12 11 1

(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 6)


Die Bevölkerungszahl des Verler Landes dürfte somit bei etwa 200 Bauernhöfen zwischen 1000 und 2000 Einwohnern gelegen haben.

Man kann davon ausgehen, dass die Besiedlung im Verler Land etwa um die Jahrtausendwende einsetzte. Zwar stammt die urkundliche Erstbezeugung des Namens "Verl" erst aus dem Jahre 1264 (Chronik Kirchspiel Verl, S. 36/37), doch lassen siedlungsgeschichtliche Untersuchungen den Schluss zu, dass um die Jahrtausendwende eine gemeinsame Drubbelsiedlung von vier Althöfen angelegt wurde. Diese Hofstellen wurden in begünstigter Lage zwischen der Ölbachaue und dem Höhenrücken des heutigen Verler Feldes angelegt. Auf diesem leicht erhöhten Moränenland legten die Althöfe ihr gemeinsames Kornland an. Aus der Urkatasterkarte geht deutlich hervor, um welche Hofstellen es sich hierbei handelte. Da ist zunächst der bis heute ungeteilte Hof Meier zu Verl. Des weiteren sind es jeweils folgende Halbmeierhöfe, die ursprünglich in ungeteilter Form als Vollmeierstätten angesehen werden müssen: Müller und Mühlenjost (alte Hofstelle Westerebbinghaus und Geschäftshaus Wilsmann, Bürmann und Haschenreck (heute Hofstelle Voßhenrich und Bereich der Kreissparkasse), Kerstingskord und Henkenjohann (Hofstellen im Bereich des Schulzentrums und Ortskern Verl-West).




Die eigenbehörigen Höfe der Grafen

in und außerhalb der Grafschaft Rietberg.

Als Grundherren waren die Grafen Oberbesitzer dieser Höfe, die nach dem Rietberger Landrecht [142 KB] , einem Eigenbehörigkeitsrecht, zur Nutzung an Bauern überlassen wurden. Diese Nutzung war vererblich und konnte nur bei schweren Verfehlungen (in der Regel Überschuldung) durch die Gutsherrschaft an andere Bauern weitergegeben werden.

Für den Erwerb des Nutzungsrecht wurde ein sog. Weinkauf oder Laudemium erhoben, über das uns die Akten mit kleinen Lücken seit 1557 bis 1815 unterrichten. Jeder, Mann oder Frau, der auf einen Hof heiratete, mußte diese Abgabe leisten. Seit 1765 liegen z. T. ausführliche Heiratskontrakte vor.

Starb ein Eigenbehöriger, so musste sein mobiles Erbe zu einem bestimmten Teil an den Grafen abgegeben werden. Auch über diese Abgabe, den sog. Sterbfall oder die Erbteilung, wurde sorgfältig Buch geführt. So wurden zwischen Geburt und Tod die Menschen durch die Abgaben vom Grafen fiskalisch und administrativ erfaßt.


Eigenbehörige der Bauerschaften 1726

  Bornholte Verl und Gütersorth Sende
Vollmeyer 5 8 5
Halbmeyer 19 12 16
Guthsherrn Leuthe - - 2
Zweitäger 26 13 17
Eintäger 32 16 31
Neuwöhner 1654 - 1718 26 13 -
Heuerlinge 34 63 70

(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 31)


In der Liste der


1056 eigenbehörigen Höfe der Grafschaft Rietberg von 1804 nach Karl Philipp Schwertener wird der

Hof Kammertönies

Kammerhof, Anfang 20. Jhd.






mit der Nr. 845 als ein Zweitäger in Sende erwähnt.






Das Heidebauertum um 1800


Um 1800 bildete die Landwirtschaft wie überall in Westfalen die Grundlage des Lebenserwerbs. Die Bewirtschaftung im Verler Lande zeigt die typischen Kennzeichen des Heidebauerntums. Die überwiegend sandigen Böden wurden meist nur extensiv bewirtschaftet. Getreideanbau und Viehwirtschaft dienen ausschließlich der Selbstversorgung, für die kleinbäuerliche Bevölkerung reichte der Ertrag nicht aus, um zu überleben. So waren Kötter und Heuerlinge gezwungen, einem Nebenerwerb nachzugehen. Mit Spinnen und Weben sowie mit Saison- und Wanderarbeit gelang es den kleinbäuerlichen Betrieben, eine bescheidene Existenz aufzubauen.
Wie die Bewirtschaftung des Ackerlandes damals aussah, wird ersichtlich aus einer Urkunde des Hofes Wester-Ebbinghaus in Sende aus dem Jahr 1833. Hier heißt es:
"An Grundstücken als Ackerland, Gärten, Wiesen, Weiden, Teiche incl. Heideboden, sind überall nach der Katastervermessung 453 Morgen vorhanden, hiervon sind Gärten und Ackerland 84 Morgen dazu ist an die Heuerlinge verpachtet 25 Morgen. Zu Gartenland werden gebraucht 5 Morgen, mithin bleiben zu der Ackerwirtschaft 54 Morgen, diese in der hier üblichen Dreifeldersaat eingetheilt, bestehen 18 Morgen gedüngten, 18 Morgen zweisaatigen Roggen und 18 Morgen Buchweitzen und dieses Land ist in bestem Zustande." (St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 31).
Es wird deutlich, dass der Ackerbau vorwiegend auf den Anbau von Getreide ausgerichtet war. Dabei stand die Erzeugung von Roggen im Mittelpunkt. Über die Jahrhunderte hinweg wurde Roggenanbau auf den Ackerflächen bevorzugt und nur gelegentlich wurde die Fruchtfolge durch Buchweizenanbau unterbrochen. So blieben die Ernteerträge trotz einer sehr aufwendigen Plaggendüngung sehr bescheiden, meistens wurde nur die 3 bis 6fache Menge der Aussaat geerntet. Zum besseren Verständnis der Wirtschaftslage sind auch die Getreidepreise in damaliger Zeit von Bedeutung. So betrug der November-Preis
für 1 Berliner Scheffel Roggen (ca. 80 Pfund) gegen Ende des 18. Jahrhunderts etwa 45 gute Groschen (1 Reichstaler = 30 Silbergroschen = 24 gute Groschen; 1 Groschen = 12 Pfennige).

Wenn man auf diesem Hintergrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten eine Würdigung der Arbeitsdienste der Verler Bevölkerung vornehmen will, so muss als letztes wohl noch auf den Zustand der Wege und Straßen hingewiesen werden. Ausgebaute Wege waren noch nicht bekannt, so wurde schon das Reisen in einer Postkutsche zur Mühsal. So beklagte sich der Geheime Rat Goethe bitter über den schlechten Straßenzustand , als er 1792 von Münster nach Paderborn fuhr:
"In dieser Wüste, gar oft kein gebahnter Weg. Nichts als Heidebüsche und Geträucher, Wurzelstumpfen, Sand, Moor und Binsen, eins so unbequem wie das andere" (St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 32).
Der allgemeine schlechte Wegezustand erschwerte und behinderte natürlich den Güterverkehr in noch stärkerem Maße. Vor allem die feuchten und unwegsamen Niederungen waren bei dem damaligen Zustand der Straßen nur schwer zu passieren. Zur Durchquerung solcher Sumpfgebiete waren Dammwege erforderlich, ausgebaute Chausseen gab es noch nicht. Als einzige überregionale Straße berührte der Handelsweg zwischen Lippstadt und Bielefeld das Verler Land.
(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 31 f)

Ebenso wie beim Ackerbau ist auch die damalige Viehwirtschaft mit den Verhältnissen von heute nicht zu vergleichen. Im Allgemeinen wurde das Vieh zur Hude in die noch ungeteilten Gemeinheiten getrieben, Wiesen und Weiden waren weitgehend unbekannt. Eine so extensiv betriebene Viehwirtschaft ermöglichte denn auch nur geringe Erträge. Auch der Viehbesatz war deutlich geringer, wie die folgenden Durchscnittswerte für unterschiedliche Hofklassen zeigen:



Ø Viehbesatz der Hofklassen (1833)

  Vollmeier Halbmeier Zweitäger Eintäger
Pferde 4 2 2 1
Kühe 6 4 3 2
Rinder 4 3 2 1
Schweine 4 2 2 1

(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 32)




Bevölkerungs-und Häuserzahl

der Bauerschaften im Jahr 1819

  Verl Sende Bornholte
Bevölkerung 1190 1087 1104
Häuserzahl 197 225 212

(St. Anna in Verl, 1792 - 1992, S. 31)




Der Flächeninhalt der gesamten Herrschaft (1835)


.....21.193 Joch
.......1.302 Quadratklafter


und zählte

.....12.232 Einwohner
..........975 Pferde
.......1.449 Rinder und
.......9.548 Schafe.



(http://www.kaunitz-rietberg.de)



Grafschaft Rietberg, 1821,

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