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Kriegstagebuch H. Kammertöns

Kammertöns, Heinrich

1915


Heinrich Kammertöns hat von 1914 - 1915 am 1. Weltkrieg in Frankreich teilgenommen und ein Tagebuch (Aufzeichnungen vom 19. 08. 1914 bis zum 03. 03. 1915) geschrieben. Als Dokument schildert es sehr genau und eindrucksvoll sowohl die Stimmung der damaligen Zeit als auch persönliche Eindrücke und Erlebnisse.

Die Transliteration besorgte die Sütterlinstube in Hamburg.

Zur Stimmung der damaligen Zeit s.a. Aufruf [2.325 KB] zur Kirchenkollekte am 1. Bußtage 1916 der Direktion des Landesvereins für Innere Mission der evangelisch-lutherischen Kirche im Königreich Sachsen in Dresden mit dem Titel "Durchhalten!".
Gefunden im von ihren Eltern zur Konfirmation geschenkten Gesangbuch der Lina Gertrud Schulze (Ehefrau des Hans Schlechte, Linie Schlechte).


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* Bella, horrida bella. Kriege, entsetzliche Kriege.
Vergil, Äneis 6.86



Meine Erlebnisse aus dem Feldzug 1914 - 1915
Untffz. Kammertöns 4. Comp. Landsturm Inftr. Batl. I Bochum.



(Wegen besserer Lesbarkeit und besseren Verständnisses
Ergänzungen in Klammern hinzugefügt. .N .M. K.
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Als am 1. 8. 14 die Kunde unsre Stadt durchlief: "Es ist mobil." da dachte ein jeder an den Tag, an dem er sich stellen musste. Auch die, die noch keinen näheren Tag im Pass verzeichnet hatten, dachten immer daran, wann werde ich fort müssen. Zu diesen gehörte auch ich. So manchen Freund hatte ich schon zum Bahnhof begleitet, in der Zeit der Mobilisierung so manchem Freunde zum Abschied die Hand gereicht. Da am 19.8.14. war es, als schon in der Grube laut wurde, dass wieder eine ganze Reihe von Hauern Bescheid hätten, sich am 20. zu stellen. Zu diesen gehörte auch ich. Als ich zu Tage fuhr, erwartete mich schon einer meiner Verwandten, um mir die Nachricht übermitteln zu können. Wir hatten die Vorbereitung im kirchlichen Sinne schon vorher getroffen. Jetzt galt es, noch so viel wie möglich alles zu regeln in der Familie so viel es eben ging. Am Morgen des 20ten zogen wir dann mit vielen Kameraden aus Hamme zum schönen Stadtpark, woselbst wir uns

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um 9 Uhr stellen mussten. Hier wurden wir zu einem kriegsstarken Batl. formiert, welches den Namen Landsturmbatl. I Bochum erhielt. Ich kam zur 4ten Comp. und wurde in die Schule an der Mühlenstr. einquartiert. Essen u. trinken bekamen wir im ev. Vereinshaus daselbst. In dieser Schule blieben wir bis zum 27. 8. und wurden in diesen 8 Tagen zum Teil eingekleidet. Nachdem wir in diesen Tagen unsre Lieben noch mal besucht, und diese auch uns in der Schule, hieß es am 27. morgens beim Dienst auf einmal: "Das Batl. muss sich sofort bereit machen, um 12 Uhr 30 fährt der Zug ab. Wohin wusste niemand. Als die Zeit des Abrückens gekommen war, trat das ganze Batl. auf dem Friedrichsplatz an, und von dort ging's unter den Klängen der städt. Kapelle, und den Hoch- u. Hurrahrufen der Menge zum Bahnhof Süd. Hier hatte sich auch der Herr Bürgermeister der Stadt eingefunden, der uns den Abschiedsgruß und den Dank der Stadt Bochum übermittelte. Unser Herr Major Gaupp

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dankte dem Herrn Bürgermeister in warmen Worten hierfür, und dann ertönte das Signal zum Einsteigen. Als dann alle eingestiegen und alles in Ordnung war, setzte sich der Zug in Bewegung, um uns einem unbestimmten Ziele zuzuführen. Ein brausendes Hurrah ertönte, als der mächtig lange Zug sich in Bewegung setzte. Auch wurden Tücher geschwenkt, aber auch manche Träne floss um das unbestimmte Schicksal derjenigen, die der Zug diesen nassen Augen entführte. Doch die Insassen des Zuges stimmten aus voller Brust und frischen Kehlen das Lied an: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall." Auf einigen Stationen mit kleinen Erfrischungen bedacht, kamen wir gegen Abend in Aachen an. Hier wurden wir gründlich mit Kaffee u. Butterbrote(n) versehen, und fuhren nach einer halben Stunde weiter, und nun merkte man auch bald, wohin die Reise ging. Mitten hinein in(s) Feindesland. Je näher wir der Grenze kamen, desto gespannter wurden wir. Als der Zug wieder hielt,

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hieß es, wir sind in Herberstal, der Zollstation des Deutschen Reiches. Von hier aus konnten wir schon ins belgische Reich hineinsehen. Jetzt kommen wir in jenes Land, in welchem so mancher unsrer Kameraden sein Blut verspritzt, und sein Leben gelassen. Wir wollen ihnen folgen, wenn es sein muss. Das waren die Gedanken, die so manchen von uns durchkreuzten. Wir wussten auch, dass so mancher unsrer Kameraden durch List u. Tücke der Civilisten, der sogen. Franktireurs(,) gefallen war(en), darum sagten wir uns untereinander, der Eine achtet auf den Andern, und dann wird's schon gehen. Von Herberstal fuhren wir weiter und kamen nach Verviers, der ersten belgischen Station. Hier fingen auch schon die Kriegsgreueln an, dann und wann ein zerstörtes Haus war zu sehen, Telegrafen u. Telefonleitungen zerstört. Gegenzüge hatte man von beiden Seiten auf einander lossausen lassen, um dadurch den Bahnverkehr der nachziehenden deutschen Truppen zu verhindern. Zerstörte Lokomotiven und

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Eisenbahnwagen lagen zu beiden Seiten der Bahn in den Dämmen. Als wir in die Nähe von St. Lüttich kamen, war es bereits dunkel geworden und konnten wir die Umgebung nicht mehr besehen. Kurz vor der Station Lüttich hielt unser Zug wieder an und blieb über eine Stunde auf freier Strecke liegen. Hier hatten wir nun Gelegenheit, uns von einem Bahnposten Verschiedenes von der Bevölkerung zu erzählen. Die Leute seien recht verbittert auf den Deutschen, und müsse man sich das Nötige zum Leben requirieren. Von unsrer Stelle aus zeigte er uns auch einige Forts der Festung Lüttich, auf denen von weitem eine Lampe zu sehen war. Während der Posten uns erzählte von diesen Sachen, fielen dann und wann Gewehrschüsse in unsrer Nähe, und sagte uns der Posten, das seien seine Kameraden. Wenn diese nämlich ihre Patrouillengänge machten, und was Verdächtiges sähen, würde einfach niedergeschossen und das auch mit Recht. Langsam fuhr unser Zug dann weiter, immer näher zu unsren kämpfenden Truppen. Als wir in Lüttich ankamen, war es bereits Morgen

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geworden, und wir hatten eine Nacht in Feindesland zugebracht, und sogar im Eisenbahnzug. Doch der Humor und die Lust war(en) von uns nicht gewichen. Alle schauten der Weiterfahrt froh und zuversichtlich entgegen. Jetzt will ich etwas von der Verwüstung in Lüttich erwähnen, so weit ich es von der Bahn aus sehen konnte. Von den Gefechten vor Lüttich war nichts zu sehen. Doch bot die Umgebung der Bahnstrecke ein viel traurigeres Bild als bei Verviers. Lokomotiven und Eisenbahnwagen waren vollständig ineinander gesprengt und von unsern Eisenbahntruppen aufgeräumt und zur Seite geschafft worden. Dort lagen sie nun einem Trümmerhaufen von Eisen und Holz ähnlich. Die mächtigen Telegrafenmasten, an denen über 50 Drähte befestigt waren, hatten die Gegner gleich unten an der Erde durchgesprengt, und dadurch die ganze Leitung zerstört. Doch hatte unser Eisenbahntrupp dafür gesorgt, dass die Verbindung mit der Front immer wieder so schnell wie möglich hergestellt wurde. Auf dem Vorbahnhof, auf dem unser Zug hielt, lag sehr viel von belgischen Ausrüstungen. T. G. H. Sch. u.s.w. Als wir

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weiter fuhren, passierten wir gleich hinter der Station Lüttich die Maasbrücke. Rechts von dieser Maasbrücke lag eine 2te. Diese war jedoch an einem Ende gesprengt und konnte nicht gebraucht werden. Auf der Maas befanden sich noch sehr viel(e) Schiffe, die mit Kohlen und sonstigen Sachen beladen waren. Die Maas ist ungefähr ein Fluss wie unsre Ruhr. Unser Zug führte uns jetzt bis Landen. Hier mussten wir nun aushalten bis zum nächsten Morgen. Gegen Nachmittag wurde Anstalt gemacht zum Abkochen. Gleich neben dem Bahnhof, in den leeren G(e)leisen wurde dieses vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch unsre Leibriemen(,) die s.g. Koppel(,) ausgegeben, da wir in Bochum noch keine bekommen hatten. Allmählich senkte sich der Tag wieder zur Neige, und die 2te Nacht in Feindesland im Eisenbahnwagen brach für uns an. In der freien Zeit besahen wir uns etwas das Innere der Stadt. Wesentliches war hier nicht zu sehen. Die Einwohner schienen sehr friedlich zu sein. Auch mochten sie wohl

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ahnen, dass solche Leute, die auch in Feindesland ihr deutsches Lied aus voller Brust ertönen lassen, nicht mit sich spaßen lassen, und werden unsre braven Kameraden genügend dafür gesorgt haben, dass man deutsche Soldaten respektiert. Als wir nun des Mittags nochmals abgekocht hatten, ging's weiter bis Chembleux. Hier wurden wir in ein totes G(e)leis(e) gesetzt, um wieder liegen zu bleiben bis nachts um 1 Uhr. Als wir in Chembleux ankamen, war man gerade mit Verladen von Franzosen(,) Zuaven und Engländer(n) beschäftigt. Auch waren uns schon viel Gefangenen- u. Verwundetentransporte entgegengefahren. Wie freudig begrüßten wir diese uns(e)re verwundeten Kameraden, und wie bescheiden dankten sie durch eine leichte Handbewegung oder Neigen des Kopfes. In einem Gehöft in der Nähe des Bahnhofs, welches man von der Bahn aus sehen konnte, war noch eine ganze Anzahl Gefangener. Auch diese sollten noch in uns(e)re Heimat befördert werden. Alle(,) die uns begegneten, schienen recht behaglich zu sein unter deutschem Schutz. Als wir in den toten Strang eingesetzt waren,

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stiegen wir aus, um gegen Abend wiederum etwas Warmes zurecht zu machen. Bei dieser Geschichte hörte man unaufhaltsam den Donner unserer Kanonen. Man konnte sogar bei genauer Beobachtung die Stellung unserer Artillerie erkennen. So nahe hatte man Bochumer Landsturm hinter die Front gebracht. Als wir nun mit dem Essen fertig waren ging es auf 9 Uhr zu, und war es bereits dunkel geworden. Da hieß es dann (")alles jetzt einsteigen und die Türen schließen("), damit der Zug nicht durch das Licht im Wagen von Weitem für den Gegner zu erkennen war. Wir fügten uns diesen Anordnungen und um 10 Uhr lag der ganze Zug in tiefster Ruhe. Gegen 1 Uhr fuhr der Zug dann weiter und brachte uns bei Tagesgrauen nach Charleroi West. Dort lagen wir bis zum Mittag. Charleroi ist eine Industriestadt mit viel Zechen und Fabriken. Hier und da sah man einige Belgier zur Kirche gehen, und wir erlebten den ersten Sonntag in Feindesland auf der Eisenbahn. Wir konnten uns(e)re Sonntagspflicht höchstens im Herzen

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und mit der guten Meinung genügen. Wir waren aber fest überzeugt, dass der liebe Gott hiermit voll und ganz zufrieden war. Bemerkenswert ist noch in Charleroi der schöne Hafen, der sich durch die ganze Stadt zieht, um die Kohlen und die Fabrikate der Fabriken zu befördern. Hier war auch ziemlich von der Zerstörung durch den Krieg zu sehen. Zirka 260 Häuser waren zerstört, teils durch Feuer, teils Geschosse, weil man auch hier uns(e)re Kameraden hinterrücks aus den Häusern den Einzug hinderte. Um 1 Uhr Mittags fuhren wir in den Hauptbahnhof ein und stiegen dort aus, um nach Fleurus zu marschieren, welches unser Bestimmungsort sein sollte. Gegen 6 Uhr nachmittags langten wir sehr ermüdet dort an. Nun konnten wir noch kein Unterkommen finden. Auf dem Marktplatz machten wir Halt. Von hier aus wurden die einzelnen Komp. in ihre Quartiere geschickt. Unsre K. wurde in ein Kloster gewiesen, doch war dasselbe schon voll von and(e)ren Truppen. Dann zogen wir in eine Schule, blieben dort bis zum andern Morgen um 4 Uhr. Nun zogen wir, nämlich der



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2te Zug uns(e)rer Komp.(,) nach Corroi le Chateau. Der Weg führte uns der Bahnlinie entlang über Ligni-Süd Combreffe. Hier in Corroi le Chateau sollten wir unsre Feldwache aufstellen. Jetzt ging's ans Richten und den Aufenthalt so gemütlich wie nur eben möglich zu machen. Wohl hatten uns(e)re Kameraden(,) die wir ablösen mussten(,) dazu beigetragen, dass es sich dort wohl leben ließ. Doch war noch Manches auszubessern. Der ganze Zug sollte in dem kleinen Stationshäuschen liegen(,) und von hier aus die Posten aufstellen(,) und Patrouillen aussenden. Als wir recht am Rüsten waren(,) und unser Abendbrot recht auf dem Feuer am Brodeln war, sahen wir von Chembleux aus einen Zug Infanterie ankommen von einer ander(e)n Kompagnie uns(e)res Batl. Dieses sollte uns ablösen, denn für uns war bereits ein and(e)rer Befehl herausgegeben worden. Wir mussten zurück nach Fleurus. Doch hatten wir das Glück, dass, nachdem wir gegessen hatten, ein Zug kam, der nach Fleurus fuhr, und dieser Zug nahm uns mit, und brauchten wir den

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Weg nicht noch einmal zu Fuß zurücklegen. Zwar fehlte nicht viel, und wir mussten laufen? Warum! Gegen Abend in Fleurus angekommen, wurden wir in ein leeres Fabrikgebäude untergebracht(,) in dem vorher die Kavallerie ihre Pferde gehabt hatte. Der Dung lag noch darin(,) und musste erst von unsern Leuten gereinigt werden. Aber schrecklich kalt war es in diesem Gebäude. Furchtbar hoch und das Dach undicht. So wurden wir dann nach 3 Tagen wieder umquartiert, und zwar in die Schule, in der wir die erste Nacht zugebracht hatten. Diese war von unsern Leuten schön gereinigt und mit reinem Stroh versehen, und so ließ es sich da schon wohnen. Viel religiöse Sachen hingen hier an den Wänden, und konnte man, wenn man des Abends einschlafen wollte, sich so schön mit diesen Figuren und Kreuzen unterhalten. Auf unsrer Stube hing nämlich ein großes Kreuz und das Bild der immerwährenden Hilfe. Wenn man die Schule betritt und die Treppe emporsteigt so schaut der hl. Aloysius einem so mild und so liebreich entgegen in Lebensgröße. Wie wohl tut einem dieses Bild ganz besonders hier in

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Feindesland. Wie manches stille Gebet ist hier von den gläubigen Kameraden zum Himmel gestiegen für das Wohl ihrer Lieben in der Heimat. Doch sollte mir dieses Glück nicht lange blühen. Schon nach 8 Tagen wurde ich der Hauptw. am Bahnhof als 2ter Wachh. Untffz. zugeteilt, und musste nun mein Quartier am Bahnhof aufschlagen, im früheren Wartesaal des Bahnhofes. Auch hier in Fleurus hörten wir tagtäglich den Donner der Kanonen. Nach der Einnahme von Mobeuge ließ der Donner der Kanonen etwas nach. Auch da war er noch zu hören nur in weiterer Entfernung. Unser Herr Major Gaupp feierte hier in Fleurus auf dem Schulhof seinen Geburtstag inmitten der 4ten Komp. Unser Herr Hauptm. hatte zu diesem Zwecke 2 Hektl. Bier deutsch aus Charleroi holen lassen und wurde frei zur Verfügung gestellt. Auf dem Tische prangte ein schöner Blumenstrauß für das Geburtstagskind. Ansprachen, patriotische Lieder wechselten miteinander ab. Gegen 9 h hatte die Feier ihr Ende erreicht. In Fleurus sind 3 Lazarette, in denen Verwundete aller Kriegsteilnehmer Aufnahme finden. In

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ersten Tagen unsres Aufenthaltes starb ein Franzose. Die Leiche, welche vorher von einem belgischen Geistl. eingesegnet war, lag in einem einfachen Sarg mehr Kasten als Sarg und wurde von 6 uns(e)rer Kameraden auf einem Ziehkarren nach Auswärts auf einem entfernten Friedhof in ein Grab gesenkt. Doch hatten unsere Kameraden unterwegs etliche Feldblumen gepflückt um damit dem toten Gegner, seinen Grabhügel schmücken zu können. Das tut der deutsche Barbar. Ein großes Gegenstück dieser Beerdigung folgte dieser einen. Noch liegen unsre Kameraden in der Wachstube des Bahnhofs auf ihrem Strohlager und träumen von ihren Lieben daheim. Es geht nach 6 Uhr. Die Ablösung wird geweckt und nachdem sie sich tüchtig gereckt(,) verschwinden Posten und Patrouillen im Nebel des Morgens. Nachdem wir etliche Tage noch kalte Witterung gehabt, steigt wieder ein schönes Morgenrot, um mitzufeiern. Die Feier eines Totentages in Feindesland. Es lagen im Lazarett in der Nähe des Bahnhofs 3 schwerverwundete Kameraden, die in den Kämpfen bei Namur und Tamines mitgekämpft hatten. Schon oft waren einige von unsren Kameraden

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dagewesen(,) um dieselben zu besuchen. Sie freuten sich jedes Mal, wenn einer kam. Der eine von ihnen kämpfte unter schrecklichen Schmerzen um sein Leben. Eine Kugel, gefeuert aus dem Gewehr uns(e)rer Gegner, hatte seinen Kopf durchbohrt. Sehen konnte er nicht mehr und nur nach Frau u. Kindern jammernd lag er da in seinen Schmerzen. Doch Frau und Kinder ahnten nicht, wie schrecklich Vater u. Gatte litt. Nur beten konnten sie für ihren Geliebten in der Ferne. Am gestrigen Tage hat er nun sein Leben in die Hände seines Schöpfers zurückgegeben, und sollte heute die Leiche dieses Kriegshelden zur letzten Ruhe gebettet werden. Morgen um 11 Uhr Antreten der freien Mannschaften. So hieß es bei der Parole am Tage vorher. Punkt 11 Uhr marschiert uns(e)re Komp. zum Hospital. Auch die Eisenbahner, die den Bahndienst versahen auf der Station und darüber hinaus haben ihren unnötigen Dienst eingestellt, um ebenfalls dem lieben Helden das letzte Geleit zu geben. Unsre Komp. sowohl als auch

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die Eisenbahnkomp. hatte einen schönen Kranz gestiftet für den tapferen Krieger. Mit Gewehr überstehen unsre Leute, den Augenblick erwartend, wo der Sarg mit dem toten Helden zum Vorschein kommen soll. Achtung! Präsentiert das Gewehr! So schallt’s aus dem Munde des Kommandörs, und 6 uns(e)rer Kameraden tragen die Leiche auf die Straße. Dor wird sie zu uns(e)ren Füßen nieder-gesetzt. Nun sang die Komp. das Lied: Jesus meine Zuversicht. Nun marschierten wir an die Spitze, der Sarg folgte hinter der Komp. und mit folgten sämtliche Offiziere und die Geistlichkeit des Hospitals, sowie die Schwestern desselben, die den toten Kameraden gepflegt hatten. Ein evang. Geistlicher hielt in französischer Sprache eine Grabrede aus einem Buch vor. Nun sang die Komp. das Lied: Wer weiß wie nahe mir mein Ende. Jetzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Nachdem dies geschehen, ergriff unser Herr Major das Wort, und in kurzen kräftigen Zügen verstand

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er es, die Augen der harten Soldaten zu nässen. Er widmete dem Kameraden den letzten Dank u. die letzten Grüße seines Vaterlandes sandte er ihm über das Grab nach in jene Welt, aus der es kein zurück mehr gibt. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass der liebe Gott ihm vergelten möge, was er für sein Vaterland getan hat. Dieser Hoffnung schlossen wir uns alle voll und ganz an. Zum Schluss beteten wir gemeinsam das Gebet des Herrn. Nun erscholl das Aufpoltern der Erdschollen auf dem Deckel des Sarges. Wie war es uns bei einer solchen Handlung zu Mute. Wie fühlten wir mit der armen Frau und den Kleinen, wie hart es ist, wenn man nicht mal dabei sein kann, wenn ein liebes Glied der Familie zu Grabe getragen wird, und kann nicht dabei sein, und wie erst, wenn es der Ernährer ist. Hier ruht er nun in fremder Erde, der sein Blut und Leben für die Seinen gelassen(,) während seine Lieben in Braunschweig harrten und vielleicht zur Zeit noch nicht wussten,

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dass der liebe Vater schon in kühler Erde lag. Ein inniges Gebet zum Himmel emporsendend für die arme Frau und Kinder, gleichzeitig aber auch für meine Lieben daheim zog ich mit meinen Kameraden wieder zum Bahnhof zurück. Abnehmen lassen im Lazarett mit Franzosen. Viel freie Zeit habe ich als Wachhabender, und darum gehe ich mit Vorliebe auf dem Perron spazieren in aller Frühe(,) wenn es noch dunkel ist, mit meinem steten Begleiter, meinem Rosenkranz. Wie kann man da so innig beten für sich und die Seinen daheim, wenn das Dröhnen der Kanonen von der Front herüberschallt. Wenn die dicke Berta arbeitet, dann dröhnt manchmal das ganze Gelände nach. So dem lieben Gott mein Tagewerk aufopfernd vergeht ein Tag nach dem ander(e)n. Am 11. Sept. zog die Feldartillerie 7 mit ihren schweren Geschützen von Mobeuge kommend durch Fleurus. Wohl 2 Stunden dauerte der Durchzug(,) soviel Wagen und Geschütze hatten die mit sich zu führen. Unter den Wagen

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befanden sich viel belgische Wagen, die man erbeutet hatte. In Mobeuge hatten sie viel geleistet und hatten nur 2 Verwundete im ganzen Regt. Nun zogen sie nach Antwerpen(,) um auch dort ihr Unheil fortzusetzen für den Feind. Auch hatte dieses Regt. schon bei Lüttich und Namur tüchtig geschafft. Dabei im ganzen nur 9 verw. Offiziere und 6 tote Pferde. Am 16ten zog eine Batterie der schweren Küstenbatterie durch uns(e)ren Bahnhof. Auch von Mobeuge kommend wurden sie nach Antwerpen transportiert. Am 17ten kam die österreichische Motorbatterie ebenfalls von Mobeuge durch uns(e)ren Bahnhof, um ebenfalls nach Antwerpen zu segeln und dort ein paar Onkels hinzulegen, wie ein Feldwebel dieser Batterie zu uns sagte. Die Uniform der Österreicher ist auch wie bei uns feldgrau. Die Geschütze werden alle mit kräftigen Motoren in die Stellungen transportiert. Eine große Freude herrschte bei uns, dass es uns vergönnt war, mit unsern österreichischen Kriegskameraden zusammenzutreffen. Der

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Zug hielt auf uns(e)rer Station und wurden die Kameraden von uns herzlich begrüßt. Auch hatten wir Gelegenheit, die Geschosse mal zu besehen. Riesige Klötze. 32 cm Durchmesser und 1,20 m Länge. Beim Schießen steigen dieselben bis zu einer Höhe von 4 - 6000 m(,) und dann kann man sich denken, mit welch einer Geschwindigkeit es dann auf das Ziel lossaust, wenn man bedenkt, dass jedes Geschoss ein Gewicht von 386 kg hat. Das Geschoss bohrt sich ein und erst dann explodiert es und richtet so die schrecklichen Verheerungen an. Der Feldwebel erzählte uns, dass durch jedes Rohr ihrer beiden Geschütze zirka 140 Geschosse gesaust seien, um dem Franzmann einen schönen Gruß zu überbringen vom Deutschen u. Österreicher. Tote hatten sie bei ihrer Batterie auch noch keine, wohl einige Verwundete. Um 12 1/2 Uhr fuhren die Österreicher begleitet von den Segenswünschen unsrer ganzen Mannschaften. Nun aß auch ich zu Mittag, Steckrüben mit Rindfleisch, und legte mich dann etwas zur Ruhe nieder,



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da ich die halbe Nacht wachen muss, um die Posten u. Patrouillen richtig ablösen zu lassen. Am Abend um 9 1/2 Uhr kam ein Zug mit der 2ten Motorbatterie. Am 18ten Sept. kamen 2 Autos von Witten mit Liebesgaben in Fleurus an. Das war ein Leben für die Wittener Kameraden. Der Eine hatte dieses, der And(e)re jenes bekommen. Die Bochumer hingegen machten dumme Gesichter. Da sich die Autoführer erboten(,) Paketchen u. Briefe für alle mitzunehmen(,) auch für die Bochumer, so gab es nun eine rege Tätigkeit im Schreiben. Am andern Morgen zogen dann die Autos voll beladen mit einigen Paketen und besonders voll geladen mit Grüßen und Segenswünschen für die Lieben in die Heimat. Am 19ten kamen sehr viel Truppen, Munition und Proviant durch uns(e)re Station. Etliche Truppen von Mobeuge nach Antwerpen, und andre wieder von Deutschland nach Frankreich. Der 20te Sept. ist wieder ein Sonntag. Als ich am Morgen um 2 Uhr den Perron betrete, ist es hier am regnen. Da denke ich denn, wie mag es jetzt den armen

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Kameraden im Felde zu Mute sein. Wie wäre es doch so schön, wenn man wie früher so auch jetzt schön am Sonntag zur Kirche gehen könnte und seine Pflichten zu Hause und im Verein erfüllen könnte. Doch sagte ich mir, es ist nicht uns(e)re Schuld sondern die des Gegners, und darum halten wir aus bis zum Schluss. Meine Promenade machend unterhielt ich mich mit dem Schlachtenlenker dort oben im Himmel und sagte ihm, was mich drückte und der Sonntag verlief in allerschönster Ordnung. Am folgenden Tag, es ist der 21te Sept., wird wieder ein französischer Soldat beerdigt. Uns(e)re Komp. sowie der Herr Hauptmann nahmen an der Beerdigung teil. Er wurde auf demselben Friedhof beerdigt, auf dem unser deutscher Kamerad ruht. Am 22ten nichts Wesentliches. Am 23ten wird ein deutsches Flugzeug auf unserm Bahnhof abmontiert. Es war ein Eindecker. Der Motor wollte nicht recht und so kam er zurück zur Fabrik. Ein Ereignis trat ein, welches nicht vorkommen sollte. Einer unsrer Kameraden hatte zu viel Alkohol getrunken

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und in diesem Zustand auf einen seiner Kameraden geschossen. Glücklicher Weise war die Verletzung nicht gefährlich. Ich bekam vom Feldwebel mit noch 2 Mann den Mann zu verhaften. Es hieß: er sei im Pferdestall und habe sich zu gemacht und schösse auf jeden, der in seine Nähe käme. Als ich auf den Hof kam, und ich ihn anrief, war (er) ruhig geworden, und indem einer meiner Leute in Schussstellung ging, befahl ich dem Betrunkenen, die Hände hoch zu halten, was er denn auch tat. Nun konnten wir da ruhig die Türe öffnen, und gutwillig kam er heraus. Er sagte zu dem, der in Schussstellung war, Du lass das Gewehr weg. Ich brachte ihn zum Feldwebel. Als ich mit ihm auf den Bahnhof kam, wollten die andern Kameraden über ihn herfallen, welches ich allerdings nicht duldete. Vom Feldwebel aus musste ich ihn in einen kleinen Raum einsperren, ihm die Hände auf dem Rücken binden und dann einen Posten bei ihm lassen zur Bewachung.

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Glauben sie ja nicht, dass mir dieses leicht wurde. Einem Kameraden, mit dem man hinausgezogen war, um für sein Vaterland und seine Familie zu handeln in Feindesland, dass man diesen so behandeln musste wurde mir sehr schwer. Die Tränen traten mir dabei ins Auge, und doch durfte ich mir nichts merken lassen. Bei jeder Mahlzeit musste ich ihm die Hände lösen und nach dem Essen zum Austreten führen mit einem Posten, um dann wieder seine Hände zu fesseln. Wie schnitt es mir durchs Herz, wenn er sagte, dass ihm die Schultern so wehe täten von dem auf den Rücken binden. Am andern Tage durfte ich ihm dann die Hände etwas loser binden, und war so die Qual erträglicher. Wie hat er geweint als er nüchtern war, ja wie ein kleines Kind stand er vor mir als ich ihn wieder band, und als dann ein Kamerad vor ihm stand und ihm gut zusprechen wollte, da weinte er selbst mit, und nicht viel fehlte, es hatten

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drei geweint in einem kleinen Raum. Nur so des Jammers. Nun bekam ich auch zum Unglück noch den Auftrag, den Täter in einem Auto zum Kriegsgericht nach Namur zu bringen. Am Morgen des Tages, als er abgeführt werden sollte, kam der Oberleutnant des Batl., um Abschied von ihm zu nehmen, denn der Mann war bisher sehr gut gelitten. Wie schwer es mir auch wurde, ich musste gehorchen, und so ging denn die Fahrt per Auto nach Namur. Fortsetzung: Major. Fahrt. Kommandantur. General. Justizpalast. Festungsgefängnis. 14 Tage strengen Arrest. Am folgenden Tage kamen wieder sehr viel Truppen durch unsern Bahnhof sowie eine Unmenge von Munition und Proviant, und kann man da so recht sehen, was der Krieg alles verschlingt. Am selben Tage kommt ein leerer Transportzug aus Frankreich zurück, um in die Heimat zu fahren. Er führte mit 5 Franz. u. 2 Zuaven. Diese wollten auch mal gern nach Deutschland. Nun besuchte ich auch den verwundeten Kameraden im Lazarett. Gott Lob war er auf gutem Wege, bald wieder in die Komp. zurück zu kommen. Seine Wunde heilte gut, und er fühlte sich auch ganz gut.

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Auch trug er dem Täter nichts nach. Ich erzählte ihm, wie zerknirscht er gewesen und wie er mir gelobt, keinen Tropfen Schnaps mehr zu trinken. Bei dieser Gelegenheit ging mein Freund, ein Sanitätsgefreiter, mit mir in den Saal, in dem die Franzosen lagen. Ich ging zu jedem und begrüßte ihn. Auch ein Offizier war dabei. Sie waren sehr freundlich und vergnügt und spielten Karten. Nun wurden die folgenden Tage die Liebesgaben verteilt, welche von Witten und auch schon ein kleiner Teil von Bochum dabei gekommen waren. Es waren Unterzeuge und Wäsche aller Art. Es wird doch viel getan in der Heimat für die Soldaten im Felde. Als jetzt wieder ein Truppentransport durchkam, bemerkte ich ein bekanntes Gesicht. Als ich ihn fragte, ob er derjenige sei, für den ich ihn halte, stellte es sich heraus, dass beim Transport noch mehrere waren, die in unsrer Compag. gedient bei Rgt. 16. Köln. Das wirkt alles der Krieg. In den folgenden Tagen wurde uns(e)re Station von Civilbeamten besetzt, und zogen die Eisenbahnsoldaten weiter hinauf nach Frankreich. Nun kommt wieder ein Sonntag in Feindesland. Schon um 4 Uhr Morgens spaziere ich auf dem Perron hin und her, nachdenkend über den Unterschied

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zwischen sonst und jetzt. Doch nur trübsinnig wird (man) bei diesem Gedanken, und darum weg damit. Sursum corda. Aufwärts die Herzen und dann gehts besser. Um 8 Uhr begann das schreckliche Bombardement vor Antwerpen. Schuss auf Schuss machte die Erde manchmal erzittern bis Fleurus, obschon die Entfernung 90 km beträgt. Wenn man dieses Dröhnen hört, dann sollte man meinen, dass kein Stein auf dem andern bleibe. Trotzdem dauert es manchmal Tage und Wochen lang und noch länger(,) bis eine Festung fällt. Auch fahren am heutigen Sonntag wieder viel Truppen nach Frankreich(,) um zu helfen beim blutigen Ringen. Den Sonntag Nachmittag brachte ich in Gottes freier Natur zu, wobei ich mich sehr wohl gefühlt habe. Ich ging die ganze Postenkette entlang und nach 2 Stunden kehrte ich mit der Ablösung zum Bahnhof zurück. Alles Misstrauen, welches wir die erste Zeit an den Tag legten, war mittlerweile am Verschwinden, der Bevölkerung gegenüber. Doch durfte keiner ohne Gewehr in die Stadt gehen. Wenn in der ersten Zeit ein Kamerad zum Friseur ging, um sich rasieren zu lassen, dann stellte sich ein

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2ter dabei mit geladenem Gewehr. Am Montag hörte man wieder das furchtbare Donnern vor Antwerpen. Gott gebe unsern Truppen den Sieg. Das war der Wunsch, der Hirn durchkreuzte. Wieder sehr viel Truppen und Proviantzüge sowie Munition durchfuhren unsere Station. Viele von den Truppen wurden aus uns(e)rer Küche verpflegt. Es ist schon vorgekommen, dass unser Mittagessen an durchziehende Kameraden verteilt wurde, die tagelang kein warmes Essen mehr gehabt hatten. Wir begnügten uns dafür mit Kaffee und Butterbrot. Dieselbe Geschichte mit den Transporten dauert auch die folgenden Tage noch fort. Ebenfalls das Schießen und Donnern der Geschütze. Am 30ten Sept. kommt von Namur die Meldung: Es werden kleine Zettel unter der Bevölkerung verteilt, die bewirken sollen, dass die jungen Leute aus Belgien sich auf Umwegen zu ihren Truppen sich stellen sollen, um das Heer zu verstärken. Doch sofort werden die Verteiler verhaftet, und auch bei uns die Posten u. Patr. verstärkt, mit der Anweisung: alle verdächtigen Civilpersonen zu revidieren und dann erst passieren zu lassen. Außerdem durfte auch schon

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vorher kein Civilist nach 9 Uhr auf der Straße sein. Eines Nachts wurde uns ein junger Mann auf die Wachstube gebracht, der auf der belgischen Post tätig war, und Postsachen beförderte. Doch durfte auch dieser nach 9 Uhr nicht mehr auf der Straße sein. Als er nun um 12 Uhr nachts die Postenkette passierte, wurde er verhaftet und auf die Wachstube gebracht. Das schien ihm nun nicht zu passen, und machte zuerst ein recht verdrießliches Gesicht. Er meinte in gebrochenem deutsch, der Deutsche sei nicht gut. Als er nun merkte, dass er bis zum andern Morgen auf Wache bleiben musste, verlegte er sich aufs weinen. Er weinte, dass es einen Stein erweichen konnte. Doch es half nichts. Des Nachts verbotene Wege gehen und vielleicht noch Schlechtigkeiten treiben, taugt für junge Leute nicht. Am Morgen gegen 8 Uhr kam der Herr Major und der nahm den jungen Belgier mit zum Büro. Dort wurden die Briefschaften(,) die er noch bei sich führte(,) revidiert, und dann konnte er wohlgemut nach Hause ziehn. Vom 1 Oktober ab wird der Truppentransport derartig stark, dass

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er kaum zu bewältigen ist. Ein Zug nach dem andern läuft hier ein. Dann Truppen, dann Munition oder Proviant. Da gabs dann Arbeit für uns(e)re Wache die durchziehenden Truppen auf dem Bahnhof zu halten. Sie durften nämlich nicht in die Stadt. Das kam daher, dass unter den früheren Truppen schon welche gewesen sind, die nicht mein und dein unterscheiden konnten. Daher mussten wir unsre Posten überall verdoppeln. Bis zum 3ten hatten wir immer 2 - 3 Züge im Bahnhof stehen, die warten mussten, bis der vorige Zug die nächste Station passiert hatte. Am 4ten ließ der Transport nach und gab es wieder mehr Ruhe. Ich dachte bei diesen vielen Transporten(,) in Deutschland können doch bald keine männlichen Personen mehr sein. Der 4te ist ein Sonntag, der Tag des Herrn. Schon früher kam mir oft der Gedanke, könnte ich doch wenigstens des Sonntags die hl. Messe besuchen. Und am heutigen Tage setzte ich es mir in den Kopf, zur Kirche zu gehen, einerlei, was daraus entstehe. Auch hatten sich die Leute schon so etwas an uns gewöhnt, so dass so leicht nichts zu befürchten war. Hatte ich mich nun



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schon früher gewundert, dass die Männer des Sonntags Morgen anstatt in die Kirche zu gehen, sich in ihren Alltagskleidern auf der Straße und vor den Häusern herumdrücken, so machte ich bei meinem ersten Kirchgang in Feindesland die Entdeckung, dass von denen, die in der Kirche waren, höchstens 10% Männer waren. Im übrigen war der ganze Besuch ein äußerst schwacher. Wie dachte ich da zurück an uns(e)re Heimat, wie da des Sonntags sich beeilen, um zur Kirche zu kommen und besonders jetzt in der Zeit der Prüfung. Doch hier lässt das den Völkern kein graues Haar wachsen. Die Männer stehen herum, weil die Zechen und Fabriken meist noch still stehen(,) und die Frauen arbeiten im Hause und im Garten herum. Ich machte dann auch die Entdeckung, dass das Benehmen in der Kirche nicht dasselbe ist wie bei uns. Eine Lauigkeit und eine Gleichgültigkeit trat hier in die Erscheinung. Doch über diese Geschichte werde ich vielleicht noch ein andermal sprechen. Die Kirche war recht einfach gehalten. Gemalt war sie nicht.

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Erwähnt sei noch, dass am 3ten wieder Autos von Witten da waren mit Liebesgaben, doch meinten uns(e)re Leute, es habe keinen Zweck, denn richtig verteilt würden die Sachen doch nicht. Am folgenden Tage derselbe Verlauf. Kanonendonner vor Antwerpen dauert fort. Immer neue Truppen kommen aus der Heimat. Wenn aber einer glaubt, der Mut und die Kampfeslust sei nicht mehr so groß wie zu Anfang des Krieges(,) der hat sich gewaltig geirrt. Alle ohne Ausnahme, ob alt oder jung(,) ziehen mit Gesang und Hurrahrufen in uns(e)ren Bahnhof u. auch wieder auf der anderen Seite heraus. Am Dienst. dasselbe Manöver. Des Abends gegen 8 Uhr kommt ein Brückenposten mit der Meldung: In der Richtung St. Amange u. Ligny seien 10 Schuss gefallen. Da mussten sich denn 10 Mann der Wache fertig machen zur Aufklärung, an der Spitze unser Zugführer Herr Feldw. M. Kirling, fort in die dunkle Nacht gings mit unsren Kameraden. Auf der Wachstube gab es nun ein Hin u. her ein für u. wider,

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bis schließlich die ganze Gesellschaft in lautes Gelächter und Ulken ausbrach. Und doch jagen unsre Kameraden im dichtesten Kugelregen. Endlich um 10 Uhr kamen dann unsre Sieger froh u. wohlbehalten zurück, und stimmten mit voller Stimme in unser Gelächter mit ein. Einer wusste noch mehr darüber zu wissen wie der andere. Das war das 2te Mal, dass uns(e)re Komp. eine Schlacht geschlagen hatte, ohne Munition u. Opfer an Menschen bringen zu müssen. Noch am andern Morgen wurde die Sache viel besprochen und belacht. Doch war es gut, dass auch dieses mal alles glatt abging, denn wir Bochumer sind nun einmal friedliche Leute. An den beiden folgenden Tagen tritt keine Veränderung ein. Am 9ten kommt ein Transport, in dem auch Bochumer sind. Ein Hammer Kamerad Michalschack entsteigt dem Zug. Wir begrüßen uns aufs freundlichste. Ein Quartett, welches bei diesem Transport war, trug, nachdem die Soldaten Kaffee bei uns getrunken hatten(,) uns etliche schöne Lieder vor. Als erstes stieg das Lied: "Heil Dir Hohenzollernspross",

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dann folgte das schöne Lied, und welches schon so mancher in diesem Krieg zum letzten Mal gesungen hat "Morgenrot". Und als die Strofe kam: Kaum gedacht, da dachte ich, wieviel singen von Euch wohl ihr eigenes Grablied. Denn auch viele von denen(,) die hinauszogen und sangen: "Morgen in das kühle Grab" ruhen auch nun schon darin. Gott will es so und darum froh vorwärts. Nun folgte das Lied: "Wir Deutsche fürchten Gott, und sonst nichts in der Welt“. Als nun die Sänger den Bochumer Damen, die die Hilfsstation für Verwundete durchziehende Soldaten hatten, einige ihrer Lieder gewidmet hatten, wurden sie von den Damen beschenkt, und dann fuhren sie froh und wohlgemut weiter dem Feind entgegen. (Mit) Gesang und Klang zogen sie aus unsrem Bahnhof aus, begleitet von uns(e)ren Segenswünschen für ihre Heimkehr in die Heimat. Am folgenden Samstag wurde die Wache geändert. Der Teil der Comp., der in Ranfard lag, wurde zurückgezogen und dadurch uns(e)re

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Mannschaft verstärkt. Nun brauchten wir nicht immer auf Wache zu sein, und dadurch mehr Ruhe des Nachts. Der folgende Tag(,) wieder ein Sonntag(,) brachte schon am frühen Morgen einen Lazarettzug in unsre Station, der nach Frankreich fahren wollte. Das Sanitätspersonal, welches den Zug begleitete, hielt gegen 8 Uhr einen Gottesdienst ab neben ihrem Zug. Es waren Herren u. Damen. Zuerst erscholl das Lied: Ein feste Burg ist unser Gott. Eine Dame hielt eine Vorlesung aus der Bibel dann das Lied Lobt den Herrn in der Höhe. Nun folgten noch patriotische Lieder und zum Schluss ein Hoch auf unsern Kaiser. Ich war gerade fertig in die Kirche zu gehen und dachte(,) in der Kirche sei doch besser beten als auf dem Bahnhof. Als ich zurück kam(,) war man am impfen in der Comp. So ließ ich mich dann auch 4 Wunden beibringen und zählte ich mich zu den Verwundeten. Doch ins Lazarett brauchte ich nicht. Des Nachmittags ging ich mit einem Kameraden spazieren(,) trank in einem Caffe ein Tässchen Kaffee(,) und der Sonntag war wieder vorbei. Der Kaffee kostet dort nämlich nichts.

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Nachdem (ich) mein Tagebuch für diesen Tag ausgefüllt hatte, legte ich mich zur Ruhe, auf mein Nachtlager, empfahl mich dem Schutze Gottes und seiner Heiligen, und schlief dann ruhig ein bis zum andern Morgen. Um 6 1/2 Uhr hieß es aufstehen. Es wird der Kasten verlassen und sich fertig gemacht zum exerzieren. Da wir nun nicht mehr ständig auf Wache sind, so muss der andere Teil exerzieren. Um 10 Uhr war das Exerzieren zu Ende und zogen wir wieder in unser Quartier. Des Nachmittags ging mit einigen Kameraden in unsre Kantine(,) um ein Glas deutsches Bier zu trinken, und dabei erschollen aus vollen Kehlen die deutschen Weisen. Mit Vorliebe lauschen die Belgier dem deutschen Gesang, und sammeln sich diese jedes mal Haufenweise an, wenn uns(e)re Soldaten in der Kantine singen. Am folgenden Tage des Nachmittags, musste ich mit 10 Mann einen großen Herd wieder in das Kloster St. Ursula bringen(,) von wo ihn unsere Komp. geliehen hatte für Küchenzwecke. Die Schwestern sind sehr freundlich den Soldaten gegenüber. Sie gaben jedem Soldaten ein paar Äpfel und Birnen.

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Sodann musste eine Schwester Bier holen mit 10 Gläser dabei, doch das belgische Bier schmeckt nun einmal nicht, und darum wollten wir da auch nicht recht mittun. Dann nahmen wir dankend Abschied. In diesem Kloster waren 3 Badewannen. Diese wurden uns jeden Dienstag und Freitag von 2 Uhr an zur Verfügung gestellt. Auch ich ging mit 2 Kameraden zum Baden, hatte ich doch in der ganzen Zeit keine Gelegenheit zum Baden. Nach dem Baden gingen wir auf anraten der Schwester in dem schönen Garten des Klosters spazieren. Wirklich ein schönes Stückchen Erde. Vor 2 Jahren hat die ehrwürdige Mutter dieses Ordens, dieses (An)wesen gekauft, und ein Damenpensionat daraus gemacht. In der Mitte des Gartens steht eine große Statue des hlst. Herzens Jesu. Vorn gleich am Eingang des Klosterhofs steht eine Statue der unbefleckten Empfängnis. Am Abend kam wieder eine Batterie österreichische Gebirgsartillerie durch unsern Bahnhof und fuhr von Antwerpen nach Frankreich(,) um dort ihr Zerstörungswerk fortzusetzen. Die beiden folgenden

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(Tage) verliefen ohne besondere Zwischenfälle. Am Freitag Mittag wurde uns(e)re Kanone(,) "Willi" genannt, auf unsern Bahnhof aufgestellt. Sie ist von einigen unsrer Kameraden erbaut aus einem alten Pumpenrohr. Doch sah sie einer wirklichen Kanone sehr ähnlich. Jetzt würden die Belgier aber noch mehr Respekt haben vor uns, so meinte man. Doch zu Anfang schien dies wohl so, aber gar bald hörte man schon hier und da, dass sie sich darüber lustig machten. Ein Zug Infanterie kam von Antwerpen, diese hatten die Belagerung Antwerpens mitgemacht. Einige von ihnen hatten sich Clownanzüge angezogen und saßen mit Ziehharmonika und dicker Pauke oben auf einem Wagen und spielten(,) was das Zeug halten konnte. And(e)re bedachten unsre Jungens mit allerlei Sachen, Handtücher, Taschentücher und Wollsachen(,) auch eine ganze Kiste warfen sie in voller Fahrt aus

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dem Zuge. Dies hatten sie wohl alle in Antwerpen erobert. Am Samstag komme ich wieder auf Wache als Wachhabender. Kurz bevor wir aufzogen, kam der Feldwebel zu uns und brachte uns die Botschaft, dass unsere Truppen bei Gent wieder 38000 gefangen hätten. Ein lautes Bravo war die selbstverständliche Antwort. Die Wache wurde dadurch so viel leichter, wussten wir doch, dass der Feind einen ganzen Teil schwächer geworden war. Nun kommt etwas ganz wichtiges. (quer rechter Seitenrand): Fotogr. Hund totgeschossen. Es war nämlich der Befehl gekommen, dass sämtliche Komp. scharf schießen sollten. Da nun in Fleurus kein Scheibenstand ist, so wurde eine Reihe Scheiben gebaut aus schwarzem Asphalt. Diese wurden mit Lehm überstrichen und dann auf eine Entfernung von 50m aufgestellt. Weitere Entfernung war des Geländes wegen nicht möglich. Aber der Beweis war erbracht, als das Schießen vorbei war, dass der Landsturm auch noch

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schießen kann. Die Scheiben waren kurz und klein geschossen. Aber noch viel mehr die Lehmwand vor der uns(e)re Scheiben standen. Am kommenden Sonntag hatte ich vor(,) nach Tamines zu fahren, doch da ich Dienst hatte an diesem Sonntag konnte ich meinen Urlaub nicht benutzen. Dem lieben Gott diese Entsagung aufopfernd, ging (ich) freudig und froh meinen Verpflichtungen nach. Montag u. Dienstag nichts neues. Am Mittwoch bat ich wiederum um Urlaub und konnte nun mit 3 andern Kameraden nach Tamines fahren. Wir (fuhren) um 8 Uhr mit der Kleinbahn von Fleurus bis Bolles, und gingen dann zu Fuß nach Tamines zu. Es war dies ein herrlicher Weg dorthin und war uns das Wetter auch günstig. Kurz vor Tamines begannen schon die zerschossenen Häuser uns entgegen zu starren. Je näher wir kamen, desto mehr Trümmer fanden wir vor. Es sind im Ganzen über 600 Häuser



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die dort zerstört sind. Dieser 27 Okt. wird mir unvergesslich sein. Wir gingen in das Dorf hinein und besichtigen die Zerstörung. Als wir an die Kirche kamen, gingen (wir) auf den Kirchplatz und besichtigen die Massengräber, die auf dem Kirchplatz angelegt sind. Es sind nämlich 592 Franktireure auf dem Marktplatz gleich bei der Kirche erschossen mit einem Maschinengewehr, und wurden auf dem Kirchplatz beerdigt. Es steht hier Kreuz an Kreuz und ist nur soviel Platz noch vorhanden, dass man eben noch um die Kirche gehen kann. Auf verschiedenen Kreuzen ist die Fotografie des Erschossenen angebracht. Weh tat einem das Herz, dass sich so manches junge Blut hinreißen ließ, uns(e)re Soldaten von hinten aus den Häusern zu erschießen, wie bitter mussten sie dieses mit dem Tode bezahlen. Gleich hinter der Kirche war ein kleines Gärtchen hergerichtet(,) in welchem

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5 Offiziere und 3 Mann von unsern Kriegern der Auferstehung harren. Es waren 3 Grabhügel(,) jeder mit Blumen geschmückt. Auf dem mittleren Hügel stand ein schönes weißes Kreuz. Von hier aus gingen (wir) weiter durch Tamines und kamen bis zum Bahnhof. Hier war fast kein Haus mehr ganz. Nur hier und da waren noch einige bewohnt. An anderen war man schon wieder am aufräumen. Weiter gehend kamen wir an eine Höhe, die uns(e)re Truppen im Sturm genommen haben. Auf dieser Höhe liegt eine schöne Villa mit herrlichen Anlagen. Diese Villa ist auch zerstört, doch waren die Reparaturarbeiten hier auch schon wieder aufgenommen. Auf einem sehr schönen Platz vor dieser Villa lag ein Massengrab mit 8 Offizieren und 46 Mann. Herrlich geschmückt mit Rosen und sonstigen Blumen, und in der Mitte ein weißes Kreuz machte das Grab einen schönen und erschütternden Eindruck. Welch eine Sprache reden solche Gräber. Ich betete im stillen Herzen für die Seelenruhe der Gefallenen, und zog nun mit meinen Kameraden

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weiter. An der Straße nach Oules(?) lag ein Grab mit 2 Untffz. u. 19 Mann. 1 Lt. lag in einem Grab daneben. Auch diese waren geschmückt wie die Anderen. In Oules(?)nahmen wir unser Mittagbrot ein und zogen nach 2 Stunden gegen 2 Uhr nach Assemong. Dort hatte das Gefecht stattgefunden, und lagen noch viel Sachen herum von belgischen Truppen. Den Schützengraben hatte man als Grab benutzt, und die gefallenen Gegner darin beerdigt. Eine lange Reihe dieses seltsamen Grabes. Stellenweise schauten die Kleidungen der Leichen noch heraus. Doch waren dieselben mit Kalk bestreut, und somit keine Gefahr vorhanden. Auch waren deutsche Soldaten dabei, dieses Grab auch in Ordnung zu bringen. Wie seltsam ist einem da zu Mute, wenn man vor solchen Erscheinungen steht. Von hier aus gingen wir zu der Kirche von Asseman. Diese hatte auch ein paar Granatschüsse bekommen. Der Schaden war ziemlich groß. Nun zogen wir über Maingul(?) und Lambusar(?) nach unserm Fleurus zurück. Doch ehe wir dort ankamen, wurden wir noch mit einer

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tüchtigen Sendung Regen bedacht. Gegen 6 1/2 Uhr langten wir dann glücklich auf unserm Bahnhof wieder an. Andern Tags zog ich wieder auf Wache. Folgende Tage ohne Neuigkeiten. Am Donnerstag(,) dem letzten Okt.(,) merkte man schon, dass die Belgier auch Allerseelen feiern. Sie trugen Kränze und Blumen zum Friedhof. Auch legen die Belgier sehr viel Schmuck an auf den Gräbern. Kleine Altäre in dichten Häuschen, große Glaskästen mit sehr kostbaren Kränzen u.s.w. Am Allerheiligentage zog eine Prozession zum Friedhof. An der Spitze die gesamte Geistlichkeit, und ihnen folgend die Gläubigen. Doch waren auch hierbei sehr wenig Männer zu sehen. Auch von unsern Kameraden gingen einige zum Friedhof(,) um die Gräber uns(e)rer Kameraden und die der Franzosen mit Kerzen zu schmücken. Diese Sitte ist auch in Belgien. Am andern Morgen am Allerseelentage zog unsre Komp. zum Friedhof(,) um uns(e)rer Helden zu gedenken. Das Lied: Wer weiß wie nahe mir mein Ende, leitete die Feier ein.

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Nun folgte die Ansprache des Herrn Hauptmanns. In kurzen Worten gedachte er der Helden, die den Tod für die liebe Heimat erlitten. Dann sang unser Gesangschor, den unser Ehrenmitglied Herr Lehrer Gierse leitete, Ruhe sanft. Ein stilles Gebet und dann ertönte das Lied: Wir treten mit Beten vor Gott den Gerechten. Das war das Ende der Feier. Schon vorher hatte man die Gräber frisch aufgemacht und mit Blumen geschmückt. Auch hatte die Komp. einen schönen Kranz mitgenommen und dort niedergelegt. Im Laufe der folgenden Woche kam ich mehrfach nach Charleroi. Dort hab(e) ich Not und Elend kennen gelernt. Die Kinder liefen uns nach auf der Straße um Geld oder Brot. Einmal, als wir an einer Wirtschaft abgestiegen waren(,) um uns etwas zu stärken, kam ein kleines Mädchen von etwa 6 Jahren zu mir und bat in vlämischer Sprache um Pannich(?). Mehr brachte sie nicht hervor. Ich gab ihr dann eine kleine Gabe und auch einer meiner Kameraden. Nun lief dieses Mädchen zu einem älteren(,)

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vielleicht 10jährigen Mädchen. Daraufhin rief ich beide wieder zurück und nun erfuhr ich, dass die Kinder auf der Suche waren nach Geld für ein Brot. Als wir in der Wirtschaft saß(en) und aßen, kamen wenigstens in dieser kurzen Zeit 8 erwachsene Personen herein(,) um zu betteln, und jedes Mal gab die Frau auch eine Gabe. In höchstens 20 Minuten 8 Pers. So ging es nun weiter bis zum 6 Dezember, ohne dass sich etwas wesentliches ereignete. Da am 6. 12. hörte man schon so etwas vom abrücken aus Fleurus. Doch wollte man dem so recht keinen Glauben schenken, bis am Nachmittag die Parole lautete: Morgen früh um 11 Uhr steht das Batl. auf dem Bahnhof Charleroi Süd fertig zum Einsteigen. Nun wusste man aber noch nicht wo man hinkam. Der eine sagte nach Namur(,) der andre dies, wieder ein anderer jenes. Nun gabs ein rüsten. Verschiedene Sachen mussten abgegeben werden. Die Bagage musste geladen werden u.s.w. Am ander(e)n Morgen um 7 3/4 Uhr musste die Komp. zum Abmarsch bereit stehen. Das war ein schwerer Gang. Schwer für manchen uns(e)rer Soldaten, schwer ganz besonders für die Bevölkerung von Fleurus. Die Leute

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hatten sich derart an uns gewöhnt, dass sie meinten, wir könnten auch ganz gut dort bleiben. Es hieß nämlich, dass Ulanen uns in Fleurus ablösen sollten, und diese Ulanen sind nicht gut angesehen. Überhaupt uns(e)re Kavallerie flößt den Leuten Angst und Schrecken ein. Das kommt daher, dass die Kavallerie, die zuerst einzog in Fleurus, nicht allzu sanft mit den Leuten umging, und es nicht so genau mit dem bezahlen genommen hat in den Geschäften und Kaffees. Als wir durch die Straßen abmarschierten, standen sogar einige Frauen an der Straße und weinten. Eine Frau küsste sogar einen zum Abschied. Eine Kommission hatte ein Gesuch eingereicht, uns doch in Fleurus zu lassen, darunter sogar der Bürgermeister. Doch ließ sich die Sache nicht ändern. Wir zogen dann mit Sang und Klang aus Fleurus hinaus, auf Charleroi zu. Wir waren schwer beladen mit Tornister und Paketen. Manche von unsern Leuten bauten denn auch unterwegs ab, und fuhren von Chemines aus mit der elektrischen Bahn bis zum Bahnhof.

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Als wir auf dem Bahnhof ankamen, waren wir durchnässt vom Regen, denn es regnete unaufhörlich. Doch was halfs. So mancher hatte Eis bekommen und hinkte einher. Um 12 Uhr sollte der Zug fahren, der uns nach Namur bringen sollte. Gegen 2 1/2 Uhr kamen wir in Namur an. Mussten aber wieder zurück bis Ronet(,) wo wir verpflegt wurden. Nach dem Essen stiegen wir wieder ein und blieben hier liegen bis gegen 11 Uhr. Nun fuhren wir wieder in den Bahnhof Namur ein, stiegen aus, und los gings zur Kaserne Marie Henriette, jetzt Kaserne 19. Dort wurde unsre Komp. einquartiert. Am andern Morgen gings nun an ein einrichten und häuslich machen. Unser Dienst soll hier in Wachdienst, und Verteidigung der Festung sein; wenn es nötig wird. Dann musste man denn wieder viel lernen. All die fremden Namen der Straßen und umliegenden Dörfer. Die Richtung und die einzelnen Wege zu den weit außen liegenden Forts. Auch hieß es, dass es in Namur viel militärischer zugehe als in Fleurus. Doch war das Batl. Bochum wohl in der Lage, allen diesen Anforderungen stand zu halten.

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Zuerst wurden wir mit der nächsten Umgebung bekannt gemacht. An den freien Sonntag Nachmittagen gingen wir dann mal weiter die Forts in Augenschein zu nehmen. Was die Stadt Namur selbst anbelangt, so ist sie nicht sehr groß an Ausdehnung. Doch sehr schön durch die herrliche Lage. Ganz im Tal von 2 Seiten ganz mit Berge und Anhöhen eingeschlossen. Die Sambre von der einen Seite durchzieht das Stadtbild(,) um am Fuße der Citadelle in die Maas zu münden, und dann in Verbindung mit der Maas, dieses Stadtbild verschönern zu helfen. Der Mittelpunkt der Stadt ist der Platz der Armee oder auch Grandplatz genannt. An diesem Platz ist alles zerstört. Es sind lauter Trümmer die dort noch stehen mit ganz geringen Ausnahmen. 3 Posten stehen dort ununterbrochen(,) die Trümmer bewachen und den Verkehr dort zu regeln haben. Auch das Rathaus ist zerstört. Wohl stehen hier noch die Grundmauern, doch innen ist alles eine Trümmermasse. Uns(e)re Kamp. stellte hier in Namur die Bahnhofswache 68 M(ann), die Telegraphenwache 12 Mann, die Lazarettwache 15 M(ann), und die Rathauswache 16 Mann, und zwar jeden 3ten

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Tag. Die interessanteste Wache ist am Bahnhof. Dort kommen fortwährend Transportzüge und Proviant und Munitionszüge. Auch kommen Lazarettzüge in großer Zahl. So lustig und singend die neuen Truppen herauf kommen, so ruhig und traurig kommen die Lazarettzüge zurück von Frankreich. Schon oft habe ich gesagt(,) was es doch für ein großer Unterschied ist zwischen einst u. jetzt. Einst so voll froher Lust und Kriegesmut, voll von Lied und Sang. Und jetzt kein Laut hört man(,) wenn ein Lazarettzug kommt. Kein Hurrahgeschrei wie bei der ersten Fahrt, kein Lied und keine Musik. Ja(,) da drinnen in diesen Zügen(,) da liegen sie in ihren saub(e)ren Betten, die Helden, die so voll Lust und Heldenmut hinaus zogen, um den Gegner zu erwürgen. Sie haben(')s vollbracht, sie haben bewiesen, dass sie nicht fürchteten vor Pulver und Blei. Sie haben in die Tat umgesetzt, was sie beim Ausmarsch aus der Heimat gesungen. Lieb Vaterland magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein. Sie haben fest gestanden bis sie nicht mehr konnten. Wenn uns(e)re Kameraden auf der Station ihnen einen freundlichen Gruß zuwinken, dann ein müdes



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Lächeln und wenn möglich ein leises winken mit der Hand am Fenster, und das ist alles. Es kann ja auch nicht anders sein. Diese Helden wissen, was es heißt, im feindlichen Feuer liegen. Auch kommen viel Kriegsbeute durch den Bahnhof. Geschütze, Wagen, Autos und Bäume aus den Argonnen. Ganz besonders hat man es abgesehen auf die Nussbäume. Denn aus dem Nussholz werden die Gewehrschäfte gemacht. Auch sind sehr viel Drehbänke hier durch gekommen. Alles von Frankreich. An einem schönen Sonntag Nachmittag ging ich mit 2 Kameraden über Champion nach Fort 1. Marchsuallee. Doch unterwegs wurden wir von Regen überrascht. Doch das hält uns nicht ab, uns(e)re Wanderung fortzusetzen. Wir kamen an einigen Gräbern vorbei und dann an einen großen freien Platz hinter einem Wald. Auf diesem Platz scheint die belgische Armee ihre Feldküchen gehabt zu haben. Allerlei Geräte, wie zertrümmerte Eimer und Töpfe, sowie große zerstörte Kochherde lagen noch hier herum. Die Waldung war ziemlich

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abgeholzt an dieser Stelle von unsern Truppen(,) um freie Aussicht zu haben auf das Gelände. In Nähe des Forts waren die tiefen Löcher zu sehen, die uns(e)re Geschosse in den Boden gewühlt haben. Mächtige Granatsplitter lagen dort noch herum. Das Fort selbst hatte auch gelitten. Ein Panzerturm war noch unbrauchbar, ein and(e)rer wieder hergestellt. Die Wände, die furchtbar dick sind, waren stellenweise gerissen, von der Wirkung unsres 42ziger. Ein ganzes hatte man wieder zusammengesetzt von diesen Geschossen, und hatten wir Gelegenheit(,) uns mal eine Berthabombe in der Nähe anzusehen. Wirklich ein schreckliches Ungeheuer. Überhaupt der Granatsplitter ist das schlimmste(,) was man sich denken kann. Wenn man solche Splitter gesehen hat, dann kann man sich auch erklären, dass uns(e)re Verwundeten soviel Arm- und Bein-Verluste haben. Die Splitter sind so scharf gerissen wie eine Messerschneide. Als wir nun das Fort so einigermaßen besichtigt hatten, war es bereits am dunkeln. Wir besuchten noch eben die Gräber unsrer Kameraden(,) die hier

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vor dem Fort beerdigt liegen, empfahlen ihre Seelen dem lieben Gott, und zogen dann nach Champion zurück, um von dort mit der Kleinbahn nach Namur zurück zu fahren. Militär fährt nämlich frei auf dieser Bahn. Hier in Namur wurden wir auch geimpft gegen Typhus. 2 Mal. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Die Impfung geschieht in der Brust in der Herzgegend. Nach der Impfung wird es einem übel man bekommt Fieber, Kopfschmerzen, und die Stelle auf der Brust schwillt an und schmerzt. Dieser Schmerz dauert bei manchen 8 Tage. Auch uns(e)ren Weihnachten in Feindesland feierten wir hier in Feindesland. Hatte ich mich schon in Fleurus darauf gesehnt, mal wieder zu den Sakramenten gehen zu können(,) so sollte hier mein Wunsch in Erfüllung gehen. Wir haben hier nämlich ein kath. Militärpfarramt. Der Pfarrer ist aus Köln. Ihm zur Seite steht ein 2ter Geistlicher. Diese beiden haben nun die ganze Provinz Namur zu versorgen in der Seelsorge(,) wo Soldaten sind. So war es uns dadurch vergönnt, dass wir unsre Weihnachtsfeier einleiteten mit dem ersehnten Empfang der heiligen Sakramente. Die Feier der

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Komp. fand in einem Saale einer Schule statt. Die Geistlichkeit dieser Schule hatte uns diesen Saal großmütig zur Verfügung gestellt. Tags vorher musste ich mit einer Anzahl unsrer Leute den Saal schmücken und den Christbaum ausputzen. Dies tat ich denn selbstverständlich mit großer Freude. Dann wurden Tische und Bänke herüber gefahren aus der Kaserne. Auf dem Feldw. Bureau hatte man auch fleißig gearbeitet. Für einen jeden aus uns war eine Tüte fertig gemacht, in der außer verschiedenen Leckereien auch noch eine große Plockwurst zum Vorschein kam. Als nun die Zeit kam(,) wo die Kompagnie die Feier beginnen sollte, zogen wir geschlossen zum Saal. Dort lag für jeden eine Tüte und ein tüchtiges Butterbrot. Auch hatte ein jeder 10 Biermarken bekommen(,) und konnte man dafür deutsches Bier trinken, welches aus uns(e)rer Kantine herbei geschafft. Ein schönes Weihnachtslied leitete die Feier ein. Dann eine Ansprache des Herr Hauptmanns, die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Dann wechselten Lieder-

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vorträge des Gesangschor(e)s unter Leitung des Herrn Lehrers Griese, gemeinschaftliche Lieder und sonstige Deklamationen und Darbietungen ab. Auch wurden Verlosungen vorgenommen(,) und bekam ein jeder dabei etwas mit. Bis zu später Abendstunde aushaltend zogen wir dann in uns(e)re Kaserne zurück und den Eindruck mitnehmend, noch nie eine derartige Weihnachtsfeier mitgemacht zu haben, aber auch gleichzeitig die Hoffnung hegend, dass es die letzte sei, die wir in Feindesland feiern wollen. Auf der Gallerie hatten sich verschiedene Belgier eingefunden, denn so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Die Sylvesterfeier wurde in der Kaserne abgehalten. Auch hier hatte jeder das Bier frei. Ein bleibendes Andenken der Weihnachtsfeier in Feindesland wurde uns zuteil durch ein schönes Messer, welches einem jeden von uns überreicht wurde mit einer schönen Widmung eingraviert. So verging denn auch hier in Namur ein Tag nach dem andern. Am 7.(,) 8.(,) 9.(,) waren auch hier die 3 Bitttage u. Sühnetage und am 10(.) der Weihesonntag(,) gen. das hl. Herz ]esu.

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Es war wirklich erhebend anzusehen, wie die braven Soldaten von allen Seiten zur Kirche St. Loup eilten(,) um den schlichten Worten uns(e)res geliebten Pfarrers zu lauschen, und Kraft und Trost daraus zu schöpfen. Am ersten Tage war schon vor der festgesetzten Zeit, die Kirche gefüllt mit Soldaten jeden Alters und jeder Gattung. Ein buntes Allerlei. Eine schöne Predigt über den Glauben zeigte uns wieder so recht, was der Mensch ohne Glaube ist. An diese Predigt schloss sich eine kleine Andacht an, und dann wurde durch sakramentalen Segen die Andacht geschlossen. Am 2ten Tage regnete es andauernd des Nachmittags. Doch hielt das uns(e)re deutschen Männer nicht ab, zur Kirche zu eilen, nein im Gegenteil, es sollte ja Sühne sein, und so kamen sie denn noch zahlreicher als am ersten Tage. Heute predigte der Herr Pfarrer über die Christenpflicht, die der Glaube uns auferlegt, und besonders uns Soldaten in diesem Kriege. Wahrlich eine Predigt, die angetan war

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für so manchen, der vergessen zu haben schien, was er seiner ihm von Gott angetrauten Frau schuldig war, und sich hier Freuden hingab, die verboten sind. Dann wieder eine kurze Andacht und sakramentaler Segen, und auch der 2te Sühnetag war vorbei. Am 3ten Tage auch dasselbe. Die gefüllt, Kopf an Kopf lauschten uns(e)re Braven den Worten des Herrn Pfarrers, der heute so eindringlich einlud, zu dem zu gehen, der so gern uns helfen, der so gern sich mit uns vereinigen will, in der hl. Kommunion. Ernst u. feierlich lud er uns ein, von nun jeden ersten Sonntag im Monat zu den hl. Sakramenten zu gehen, und so gewissermaßen ein urchristliches Männerapostolat von Soldaten zu bilden. Der schönste Akt kam am 10ten. Gelegenheit zur Beichte hatten wir in der Kirche St. Loup und in der Jesuitenkirche. In beiden Kirchen 4 Uhr ab. Schon um 3 1/2 Uhr standen vor der

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Jesuitenkirche einige von unsern Soldaten und warteten, dass die Kirche geöffnet wurde. Ich dachte, dass in St. Loup vielleicht schon Gelegenheit sei zum Beichten, und ging dort hin. Diese Kirche ist nämlich den ganzen Tag offen, wogegen die Jesuitenkirche nur zu bestimmten Zeiten offen ist. Auch hier in St. Loup hatte sich dann eine ganze Anzahl eingefunden, um ein reuiges u. demütiges Pater pekavis (peccavi) dem Richter an Gottesstatt zu Füßen zu legen. 0 wie staunten wohl die Belgier, die schon an den beiden Tagen Mund und Nase offen hielten, als uns(e)re Männer so zahlreich zu den Andachten kamen. Doch jetzt, einer nach dem andern in den Beichtstuhl und so fort bis um 6 Uhr zur Andacht, und nach der Andacht Fortsetzung. 0 erhabenes Beispiel deutscher Truppen in Feindesland. Was sind das für Barbaren(,) die so tun. Die hl. Kommunion sollten wir bei den Jesuiten empfangen, weil dort die beste Gelegenheit dazu ist. Denn hier wird, wie

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in unsrer Klosterkirche jeden Augenblick die hl. Kommunion ausgeteilt. Vor und nach jeder hl. Messe und in den zwischen Zeiten noch extra. Dieses Bild vergesse ich nicht, was ich da gesehen. Wohl hatte ich mich schon oft gefreut, wenn ich in des Sonntags früh in der Jesuitenkirche war, und dann sehen konnte, wie jedes Mal, wenn die hl. Kommunion ausgeteilt wurde auch immer Soldaten darunter waren. Aber in einer solchen Zahl wie an diesem Morgen, das wäre doch zu schade(,) ungeachtet darüber hinweg zu gehen. Jedes Mal, wenn ein Pater mit dem Ciborium an die Kommunionbank trat, zog eine ganze Schar dieser tüchtigen Helden hin zum Tisch des Herrn, um sich mit dem zu vereinigen, der allein uns Schutz u. Sieg verleihen kann über uns(e)re tückischen Gegner. Wohl mögen da die Herrn Patres gedacht haben, wäre es doch auch bei uns so wie bei diesen Deutschen, denn in Belgien gehen die Männer so

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bitter wenig zur Kirche, geschweige denn zu den Sakramenten. Seht da(,) meine Lieben, so kämpfen diejenigen in Feindesland, die vorläufig noch berufen waren(,) im Schützengraben zu kämpfen. Um 11 Uhr war dann für uns Hochamt in St. Loup, im Anschluss an die Predigt war die Weihe an das hlst. Herz Jesu und dann Te Deum und Segen. Wie ernst es unsern Soldaten war mit der Weihe, konnte man hören an der Begeisterung, mit der die Worte nachgesprochen wurden(,) die unser Herr Pfarrer uns vorsprach. Möge das hl. Herz Jesu uns(e)re Gebete erhören und uns bald wieder den Frieden geben. Als nun im Anschluss an die Weihe der Taufbund erneuert wurde, durch absingen des schönen Liedes: Fest soll mein Taufbund immer stehn, da konnte man ein Brausen hören durch die Hallen der schönen Kirche. So voll Freude und Innigkeit, voll Ehrfurcht und Andacht wird das Lied wohl nicht immer gesungen werden wie dies in Feindesland der Fall war.



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Als die Feier zu Ende war, freute sich gewiss jeder, dass er das Opfer gebracht, und diese Tage mitgemacht hat. Auch wird sich mancher laue katholische Soldat im Innern geärgert haben, dass er diese Tage der Gnade hat vorübergehen lassen. Einige Tage darauf war in der Kathedrale ein feierliches Requiem für alle gefallenen Krieger in diesem Feldzug. Dasselbe wurde zelebriert unter Anwesenheit des hchwdst. Bischofs von Namur. Jede Komp. stellte zu dieser Feier 1 Untffz. und 10 Mann. Ich ging von unsrer K. Inmitten des Domes hatte man eine herrliche Tumba aufgestellt, umgeben mit einer Unmenge von Kerzen alle auf großen silbernen Leuchtern. Die Absolutio Tumbae nahm der hchwdst. Herr selbst vor, und wurde dann von der ganzen Geistlichkeit wieder zum Portal geführt, von wo er auch abgeholt worden war. Möge der liebe Gott diesem Flehen der Völker Gehör schenken u. die tapferen Helden(,)

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die ihr Leben fürs Vaterland geopfert haben, zu sich nehmen in den Himmel und ihnen die wohlverdiente Krone aufs Haupt setzen. Am 15. 1. 15 bekam ich den Befehl(,) mich mit 20 Mann der Komp. bereit zu halten, um einen Gefangenentransport in die Heimat zu begleiten. Am 16ten endlich um 9 Uhr Morgens hieß es dann(,) der Zug läuft um 1/2 8 Uhr im Bahnhof ein und müsst ihr um 7 Uhr 15 am Bahnhof sein. Das war nun eine Zeit von paar Minuten(,) stand ich mit 20 Mann fertig und fort gings zur Bahn. Endlich gegen 8 Uhr lief dann der Zug auch ein. Er enthielt 1300 gefangene Franzosen u. Zuaven. Die Begleitmannschaft wurde abgelöst(,) und traten wir an deren Stelle. Eine schreckliche Fahrt war dies. Ein Hundewetter. Die Gefangenen waren in Kolliwagen(,) die von draußen geschlossen waren. Wir fuhren im letzten Wagen. Ebenfalls Kolliwagen. Gefroren haben wir ganz schrecklich. Ein Teil der Begleitmannschaft saß weiter vorn. Wir

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waren nämlich im Ganzen mit 75 Mann. Die andern waren von ander(e)n Batl. gestellt. 8 1/2 Uhr fuhren wir von Namur ab. Kamen gegen 10 Uhr Stattee an und hörten dann hier, daß wir nicht durch konnten. Ein Verwundeten Zug war nämlich hinter einem Tunnel(,) der zwischen Stattee und Lüttich liegt, mit einer Rangiermaschine zusammen gestoßen. Glücklicherweise ist kein Menschenleben dabei umgekommen. Nur der Heizer der Rangiermaschine hatte Verletzungen leichter Natur. 2 Wagen von dem Verwundeten Zug waren (an) einem Ende eingedrückt, und die Lokomotive demoliert. Nun mussten wir warten, bis die Bahn wieder frei war. Auf der Station hatten die Bayern eine Wache, und diese Wache war so freundlich, uns ihr Mittagessen zu überlassen. Die Gefangenen wurden Wagenweise zum Austreten geführt. Sie konnten ihre Bedürfnisse verrichten

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und ihre Flaschen mit frischem Wasser füllen. Zu diesem Zwecke mussten wir Begleitmannschaften uns alle aufstellen und die ganze Geschichte bewachen, ob schon ich die feste Überzeugung hatte, dass alle froh waren(,) deutsche Gefangene zu sein. Sie machten denn auch einen ganz freundlichen Eindruck und waren recht folgsam. Die Geschichte dauerte wohl 3 Stunden(,) bis alle fertig waren. Die Verhältnisse hierfür waren zu klein auf diesem Bahnhof. Nun hieß es immer(,) in einer halben Stunde sind die Reparaturen fertig und mittlerweile wurde es dunkel, und regnete es manchmal in Strömen. Die Gefangenen waren längst wieder in ihren Wagen und uns(e)re Posten patrouillierten an den Wagen entlang. Gegen 8 Uhr konnten wir dann noch mal etwas Suppe haben von unsern bayrischen Kameraden. Endlich(,) gegen Mitternacht konnten wir dann endlich weiterfahren. In Lüttich mussten wieder sämtliche Gefangenen zum Austreten geführt werden, nachdem

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sie schon vorher durch einen kräftigen (Schlag) warmer Erbsensuppe gestärkt waren. Sie waren denn auch voll des Lobes über den Alemang. Bon Kamerad(,) bon. So konnte man hören aus aller Munde. Nachdem die Gefangenen versorgt waren(,) konnten auch wir abwechselnd in die Speisehalle gehen und uns stärken. Erst die eine Hälfte, dann die and(e)re. Das warme Essen bekam uns sehr gut, denn wir (waren) durchgefroren in unsern Wagen. Gegen 4 Uhr fuhren wir weiter und kamen Mittags gegen 12 Uhr in Aachen an. Hier sollten wir abgelöst werden. Doch war keine Ablösung da, und freuten wir uns schon, dass wir bis Köln mit mussten. Hier in Aachen mussten wieder sämtliche Gefangenen heraus geführt werden(,) und bekamen sie Brot u. warmen Kaffe. Nun will ich erwähnen, wie sonderbar einem zu Mute ist, wenn man sich der Heimat nähert, von der man ein halbes Jahr getrennt war. Schon seit

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Lüttich, sobald der Morgen graute(,) hatten wir uns(e)re Türe offengeschoben, um sehen zu können, wenn wir auf deutschen Boden kämen. Endlich! endlich! Deutscher Boden. Zwar war es am Boden nicht zu sehen, doch die lieben Leute(,) die an der Bahn wohnten, die gaben uns zu verstehen(,) wo wir waren. Das war ein Jubel und ein Rufen und Winken von der Bevölkerung(,) als wir mit unsern Gefangenen auf deutschen Boden kamen. Wir wurden begrüßt, und die Gefangenen, die auch mit ihren roten Mützen winkten durch die Luftöffnungen, wurden gedroht. Die Tränen kamen einem in die Augen, wenn man diese Freude der Landsleute sieht. Wie mag der Jubel erst sein, wenn die Friedensglocken erst den Einzug der Truppen in ihre Heimat begleiten. Doch wie weit mag die Zeit noch sein, und fort mussten wir wieder zur

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bestimmten Zeit. Gegen 2 Uhr fuhren wir dann von Aachen weiter nach Köln. Hier war uns(e)re Ablösung angetreten. Es war gegen 5 Uhr(,) als wir (in) Köln ankamen. Wer von den Gefangenen austreten wollte, konnte heraus kommen und wurde dann hingeführt. Gegen 6 Uhr konnten wir uns entfernen vom Transport. Doch mussten wir geschlossen antreten und warten(,) bis unser Transportführer festgestellt hatte(,) mit welchem Zug wir wieder zurückfahren konnten. Es lautete: Dienstag Morgen um 6 Uhr 45 fahren wir wieder ab nach Namur. Bis dahin werdet ihr einquartiert bei einem Wirt Jacobsen(?) in der Domstraße. Doch kannte der Feldwbl. unsern Wunsch der Bochumer und hatte er mir zu verstehen gegeben, dass wir machen könnten(,) was wir wollten(,) aber auf eigene Verantwortung. Ich wusste(,) was ich tun sollte. Ich sagte meinen Kameraden meine Meinung und einig löste sich jeder ein Billett und ab gings um 8 Uhr 20

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in ein and(e)res Quartier als in die Domstraße Richtung Bochum Süd und Witten. Abends gegen 11 Uhr klopfte einer in der Reichsstraße an seine Wohnung, nachdem er die Haustüre glücklicherweise offengefunden hatte. Nun(,) dieses unerwartete Wiedersehen nach einem halben Jahr könnt ihr Euch denken und ganz besonders(,) wenn man in dieser Zeit 2 so kleine Wesen (Zwillinge Elisabeth und Heinrich) dazu bekommen hat, die man noch gar nicht kennt. Doch die Zeit war zu kurz. Kaum hatte man sich richtig gesehen(,) und schon war es Montag abends 8 Uhr und fort führte mich die Elektrische zum 2ten Mal von meinen Lieben. Dieser 2te Abschied war mir viel schwerer als der erste. Am andern Morgen zur bestimmten Zeit waren alle wieder zur Stelle. Nachmittags um 2 Uhr 20 langten wir wieder in Namur an. So muss es auch sein. An einem schönen Morgen, als die Komp. Auf Wache war, zog ich mit 2 meiner Kameraden zur Stadt hinaus auf Bormines zu. Es ist dies ein kleines Dörfchen

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etwa 1 1/2 Stunde von Namur entfernt. Wir lenkten unsre Schritte zuerst über Lous gingen dann links an Letze(?) vorbei. In Lous kamen wir an 2 Gr. vorbei. In dem ersten lag ein deutscher Krieger ganz allein. In dem 2ten gleich daneben lagen 1 Franzmann u. 1 Belgier zusammen. Beide Gräber waren mit Kreuz und Blumen geschmückt. Links von Lous in freiem Felde liegen auf einem Acker, auf dem die Gegner das Hauptbiwak gehabt haben(,) 13 Franzosen und Belgier in einem Grab. Ebenfalls mit Kreuz und Blumen geschmückt. Von hier aus zogen wir weiter nach Bormines zu. Der Weg führte uns durch ein kleines Wäldchen. Gleich hinter diesem Wäldchen ganz am Wege, lag wieder ein französisches Grab. In demselben ruhen 8 Fr. u. Belg. von ihren Kämpfen aus. Auch dieses Grab ist geschmückt und mit einem schönen Zaun aus Birkenstämmen eingefasst. Immer weiter führte uns unser Sinn, und schon kamen wir an ein großes Massengrab, welches in 4 Quadrate eingeteilt war. Alles Franzosen u. Belgier. In der ersten Gruft ruhen 8, in der 2ten 15, in der 3ten 14, und in der 4ten wieder 8 Fz. u Belg.

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Ein Kreuz und schöne Kränze schmückte auch jedes einzelne dieser Gräber. Es ist doch etwas sonderbar ernstes, an so viel Zeichen des Todes vorbei gehen zu müssen. Nun sahen wir schon den schwer beschädigten Kirchturm von Bormines vor unsern Augen auftauchen. Doch noch etwas andres sahen wir im Vordergrund von Bormines vor unsern Augen sich abheben. Es waren weiße Punkte zuerst, und je weiter wir gingen, desto deutlicher wurden diese Punkte, und bald sahen wir dann, dass es eine Reihe schön geschmückter Gräber war, deren Kreuze von weitem aus dem Grün hervor schauten, mit denen man sie umgeben hatte. Ein schöner Zaun aus Birkenstämmen war auch zu erkennen und die schwarzweißen Kreuze, (die) man in Form des eisernen Kreuzes aus Holz angefertigt hatte, sagten uns, dass wir hier ein deutsches Massengrab vor sich haben. Der Zaun war nämlich mit zahlreichen von diesen eisernen Kreuzen aus Holz verziert und geschmückt, zum Beweis dafür,



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dass diese Helden, die hier ruhen, alle das eiserne Kreuz verdient haben, durch ihre Tapferkeit und deshalb im Tode noch die Grabstätte mit diesem Zeichen geschmückt wurde. Die ganze Gruft besteht aus 11 Gräbern. Wie viel in jedem Grabe ruhen(,) konnte ich noch nicht erfahren. Doch dürfte es eine ganze Anzahl sein. Die einzelnen Gräber sind sehr schön in Ordnung. In der Mitte eines jeden Grabes ist ein Kreuz eingelegt aus kleinen weißen Steinchen, am Kopfende steht ein weißes Kreuz aus Holz, mit einem grünen Kranz umgeben. Sodann sind die Gräber noch auf den 4 Ecken mit blühenden Sträuchern und Lebensbäumen bepflanzt. Die ganze Gruft liegt auf einer Weide vor einer sehr schönen Reihe von allerlei Strauchwerk, welches einen dahinter liegenden Weg begrenzt. Sodann stehen große schattige Bäume dahinter, wahrlich ein schönes Plätzchen für unsre tapferen Helden. Tief ergriffen von dem gesehenen, und aller Kameraden(,) die gefallen sind im Gebete gedenkend, zog ich mit meinen Kameraden

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weiter zu der Kirche, von der ich schon soviel gehört hatte, und nach der ich mich schon des öfteren gesehnt hatte. Auf einer Karte hatte ich die Verwüstung ja wohl schon gesehen, doch was sich hier meinem Auge darbot, hatte ich doch nicht erwartet. Der Turm drohte jeden Augenblick einzustürzen. Die Glocken hingen oben zum Turm heraus. Das Portal vollständig zerstört. Auch eine Seitenwand war stellenweise total zerschossen. Und erst das Innere. Das ganze Gewölbe war vernichtet. Altäre, Kanzel Orgel u. Statuen lag stückweise zwischen den Trümmern herum. Die Orgel lag in einem Häufchen Schutt auf der einstigen Orgelbühne(,) und schauten einige Pfeifen zerdrückt und geknickt aus diesen Trümmern hervor. Wie die Kirche, so sah auch der Friedhof aus, der um die Kirche lag. Sämtliche Kreuze u. Denkmäler waren zerstört oder doch stark beschädigt. Alles Trümmer und Schutthaufen. Auch die Häuser(,) die um die Kirche lagen, waren zerstört, und noch viel and(e)re Häuser des Dorfes. Und warum dieses alles? Weil der Gegner sich in dieser Kirche

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und dem dahinter liegenden Gehöft festgesetzt hatte zur Verteidigung, und uns(e)re Truppen nun nicht anders konnten, als alles nieder zu schießen, was unserm Gegner Schutz u. Stellung bot. Stark überwältigt von all den Greueln gingen wir ins Dorf hinein, und tranken in der Kantine uns(e)rer Fortifikationsarbeiter einen Cognak, und erfuhren hier von dem Wirt, dass ein Unternehmer für 2000 M die Glocken herunter holen wolle vom Turm der Kirche, damit sie nicht zerstört würden, wenn der Turm mal einstürzen könnte. Als ich nach einigen Wochen dann nochmal dagewesen bin, war der Unternehmer auch schon dabei, und hatte bereits eine Glocke unten. Möge es ihm gelingen, auch die 2te ohne Unfall herunter zu holen. Von der Kantine aus schlugen wir unsern Weg nach recht(s) ein und auf die Maas zu. Wir kamen an unsre neuen Befestigungen vorbei, gingen dann aber davon ab, zogen uns durch einen Wald durch dichtes Gestrüpp wohl eine halbe Stunde lang. Vorher waren wir immer

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bergauf gegangen. Namur liegt nämlich(,) wie ich schon erwähnt habe(,) ganz im Tal, und Bormines ganz auf der Höhe. Jetzt mussten wir durch dieses Gestrüpp bergab wandern, und wurden dabei ziemlich warm. Macht aber nichts(,) Schweiß abgeputzt und weiter gings. Endlich kamen wir dann auch wieder im Tal an und marschierten jetzt an der Maas entlang, der Stadt Namur zu. Wirklich eine schöne Partie an der Maas entlang. Herrliche Felsen zu beiden Seiten. Herrliche Villen dazu und abwechselnd Weiden und Äcker. Wie wohl fühlt man sich da. Doch wie wehmütig wird man dann auch wieder(,) wenn einem der Gedanke kommt, dass es Krieg ist, und man so weit von seinen Lieben entfernt. Dann steigt es einem etwas heiß auf, und man arbeitet dagegen mit dem Gedanken, wollen froh sein, dass wir helfen können, den Feind in Schach zu halten, damit er sich nicht mehr uns(e)rer lieben Heimat nähern könne. Dann gehts auch wieder, und froh und wohlgemut ziehen wir wieder in uns(e)re

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Kaserne ein. Von der Citadelle habt ihr gewiss auch schon viel gehört. Es ist dies ein hohes Gebirge welches jenseits der Sambre und der Maas liegt. Dieses ist durch verschiedene Forts gegen den Feind befestigt. Diese Citadelle liegt so hoch, dass sie die ganze Stadt überragt. Aber die ganze Befestigung ist nicht modern eingerichtet und so kam es, dass sie nicht lange Stand halten konnte unsern Geschützen gegenüber. Mächtig sind die Wirkungen dieser Beschießung gewesen auf der Citadelle. Was die Schönheit der Citadelle anbelangt, so ist es etwas großartiges. Eine elektrische Bahn führte die Besucher in lauter Windungen um den Berg herum oben zu dem schönen großen Hotel, welches englisches Hotel genannt wurde. Dieses Hotel ist auch zerstört(,) und stehen nur noch die Außenmauern. Eine herrliche Gegend zum Spazieren gehen und Touren zu machen. Stunden lang kann man dort umher gehen, ohne überall gewesen zu sein. Die Aussicht ist wundervoll. Soweit das Auge reicht, Berg und Tal. Hier wieder ein Dorf, und dahinter

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eine Anhöhe mit allerlei Sträucher(n) u. Bäumen bewachsen. Am Fuße der Citadelle(,) nach Deutschland zu(,) sieht man(,) wie die Sambre sich mächtig in die Maas ergießt, um gemeinsam mit ihr ihrem Ziele zuzustreben. Große Dampfer u. Schlepper liegen auf diesen Flüssen, doch ist der Betrieb noch nicht wieder voll aufgenommen. Nun mal wieder etwas anderes. Am 2ten Febr. machte unser Pfarrer bekannt, dass dies der vom hl. Vater angesetzte Tag sei, an dem alle Gläubigen vor dem Allerheiligsten ganz besonders bitten sollen um baldigen Frieden. Nun dachte ich, willst Du den heutigen Nachmittag dazu benutzen(,) dem lieben Heiland(,) soweit (es) in meinen Kräften liegt, meine Bitten vorzutragen. Aus diesem Grunde ging ich mit noch einem Josephsbruder zuerst zur Kirche St. Nikolas. Hier war gerade Andacht und ziemlich besetzt. Doch meist nur Frauen. Als wir eine kurze Andacht verrichtet hatten, gingen wir weiter zur Kirche Notre Dame. Es ist dies eine schöne Kirche. Ganz besonders hervorzuheben ist der wundervolle Kreuzweg. Die einzelnen Stationsbilder haben eine Größe von 3 m lang und zirka 2 m breit.

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Lebend scheinen einem diese herrliche(n) Gemälde(,) und kann man wirklich hier in Rührung und Andacht den Kreuzweg gehen. Auch in dieser Kirche hatten sich die Gläubigen ziemlich eingefunden, um dem göttlichen Heiland ihre Anliegen vorzutragen im hl. Sakrament. Doch auch hier kann man so wenig Männer finden, obschon die Männer die ersten waren, denen er sich in diesem Sakramente geschenkt hatte. Wir beteten so gut wir konnten zu der Monstranz und baten ihn innig um baldigen Frieden und um Schutz u. Hilfe für uns(e)re Truppen und uns(e)re Lieben daheim. Weiter zogen wir nun zur Kirche St. Johan Babtiste. 0 wie leer war hier die Kirche. Nur von einzelnen besucht. Doch Soldaten aus Deutschlands Gauen, die verstanden es besser, was es heißt, der liebe Heiland ist in allen Kirchen im hlst. Sakrament ausgestellt(,) um uns(e)re Bitten entgegen zu nehmen. Darum fanden wir auch in jeder Kirche welche von diesen Mutigen, die auch ihren Glauben hoch halten selbst in Feindesland. Freudig eilten sie zu ihm im Sakrament(,)

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um ihm zu danken für alle Gnaden und Wohltaten, und ihn zu bitten um weitere Gnade und Siege. Aber auch um ihm Abbitte zu leisten für die Lauigkeit der Belgier ihm gegenüber im hlst. Sakrament. So auch wir. Wir beteten den göttlichen Heiland eine Weile an(,) dankten u. flehten und gingen nun zur Kirche St. Loup. Hier war auch mangelhafter Besuch. Doch auch eine ganze Reihe uns(e)rer Soldaten. Von hier gings zur Jesuitenkirche, und zum Schluss um 9 Uhr in die Lazarettkapelle. Hier ist jeden Abend um 9 Uhr Andacht. Die Schwestern singen schöne Lieder, doch nur Latein oder französisch. Hier kann man nun sehen, wie die Verwundeten beiderseits nebeneinander knieen und beten für ihre Anliegen. Einer ohne Arm, der and(e)re ohne Fuß. Wieder ein and(e)rer mit entstelltem Gesicht u.s.w. Einst sich gegenseitig bekämpft, und nun nebeneinander betend vor dem lieben Heiland im Sakramente. Wie bei den Civilisten, so findet man auch bei den Soldaten eine gewisse Lauig-

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keit unter ihnen im Gotteshaus. Selbst bei der Wandlung und beim Segen mit dem Hchwdst. Gute. Ich habe beobachtet, dass ein verwundeter Franzose auf einem Stuhl saß und beim Segen sich nicht einmal rührte. Und so schon des öfteren in ander(e)n Kirchen bei der Wandlung. Ebenfalls ist mir schon in Fleurus aufgefallen, dass man hier in Belgien nicht schellt beim Austeilen der hl. Kommunion. Wenn jemand hinter einem Pfeiler sitzt, so hört und sieht er nichts von alledem. Wie anders bei uns. Auch wird hier zur Opferung nicht geschellt. Als nun die Andacht in der Kapelle zu Ende war, zog ich mit meinem Kameraden E. in unsere Kaserne zurück und dankten Gott, dass er uns die Gnade gegeben hatte(,) ihn am Morgen in der hl. Kommunion zu empfangen, und uns des Nachmittags eingeladen hatte, ihn in den Kirchen zu besuchen. Ein andermal machte ich einen Spaziergang mit einigen Kameraden nach Fort 2. Congedele. Hier ist auch viel zerstört worden. Doch war schon viel wieder fertig. An den Panzertürmen konnte man so recht die Wirkungen sehen von uns(e)ren

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Geschossen. Doch hatten sie hier nicht den Schaden angerichtet wie auf Fort 1. Auch haben wir hier keine Gräber gesehen. Unser Weg führte uns über Verdrein, Dussul und dann nach Congedele. Das Fort liegt gleich hinter dem Bahnhof des Ortes. Vor diesem Fort nach Namur liegen die 3 Luftschiffhallen, die aber noch im Bau begriffen waren. Diese wurden durch das Fort 2. gedeckt. Doch durften wir den ganzen Platz, worauf die Hallen gebaut wurden, nicht betreten. Er war von einem Zaun aus dichtem Stacheldraht eingefriedigt, und vor den Eingängen stehen unsere Marine Luftschiffer Posten. Als wir das Fort dann eingehend besichtigt hatten, zogen wir froh wieder in unser Quartier zurück. Aber sämtliche Forts sind schon(,) so weit es eben ging(,) nach deutschem Muster wieder ausgebaut, und werden sie so besser zur Verteidigung geeignet sein als vorher. Rund um diese Forts ist ein dichtes Hindernis gezogen von dickem dichten Stacheldraht, dieser ist immer kreuz u. quer von einem Pfahl zum ander(e)n gezogen und kann keiner da durch,



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ohne dass es zerstört wird vorher. Sodann ist um die ganze Fortlinie ein neuer Schützengraben für Infanterie und zwischendurch auch neue Stellungen für Artillerie ausgehoben. Alles ganz versteckt. Seit Ende Januar haben wir auch eine Musikkapelle. Jeden Tag ziehen uns(e)re Truppen durch die Stadt zum Wachtlokal zum Bahnhof. Auch als der König von Bayern hier war(,) musste uns(e)re Kapelle mitwirken zur Parade. Ebenso bei der Parade zum Geburtstag Sr. Majestät des Königs von Württemberg. Als der große Russensieg bekannt wurde, am ander(e)n Mittag auf dem Platze vor dem Gouvernement große Wachtparade. Sämtliche Offiziere und Unteroffiziere(,) die dienstfrei waren(,) mussten erscheinen. Nach der Parade gab die Kapelle bis 1 Uhr ein Konzert auf diesem Platz. Das war so was für die Belgier. Wenn sie auch früher noch immer glaubten, wir Deutsche würden wieder zurück geschlagen, so gaben sie die Hoffnung doch bald auf, und gaben sich in ihr Los zufrieden. Im halben Januar kam auf einmal Befehl, unser Batl. müsse eine

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kriegsstarke Komp. stellen zum Truppenübungsplatz Beverloo in Belgien. Das gab ein hin und her. Unsre Kamp. mußte 2 Untffz. und 57 Mann stellen. Als die Namen festgestellt waren von denen(,) die fortsollten, da gabs ein Leben in der Kaserne. Ein Abschiedsfeiern wie selten. Doch noch über 8 Tage vergingen, eh die Zeit des Abschieds gekommen war. Endlich am 31ten Januar sollte ein Zug uns uns(e)re Kameraden entführen, die über ein halbes Jahr mit uns im Batl. Bochum gewesen waren. Früh Morgens am genannten Tage, traten uns(e)re Kameraden an auf dem Kasernenhof und rückten zur festgesetzten Zeit zum Bahnhof, begleitet von der Musikkapelle und den meisten Mannschaften der Komp. Vor dem Bahnhof wurde Aufstellung genommen, und der Herr Gouverneur hielt eine Ansprache an die scheidenden Kameraden. Als der Gouverneur sich verabschiedet hatte sprach der Herr Major zu diesen Leuten, die mit ihm aus Bochum ausgerückt waren, und nun aus seinem Batl. gerissen wurden, um weiter vorzukommen gegen den

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Feind. Unter herzlichen Worten des Dankes für den bisherigen Dienst, verabschiedete er sich von ihnen mit Tränen in den Augen. Dann zogen sie zum Bahnhof ein, um ihrer neuen Garnison entgegenzusteuern. Ich ging mit einigen Kameraden vom Bahnhof zur Höhe 150. Es ist dies eine Anhöhe(,) die gleich hinter uns(e)rer Kaserne liegt, und auf der wir so manche Stunde exerziert haben. Auf dieser Höhe waren nämlich tags zuvor 2 Doppeldecker gelandet, die am andern Tag weiterfahren wollten nach Metz. Deshalb gingen wir zur genannten Höhe, um zuzusehen, wie die stolzen Vögel sich in die Lüfte schwingen. Bei dieser Gelegenheit, sprachen wir mit einem der Führer, es war dies ein Feldwebel. Er erzählte uns so manches über seine Tätigkeit in diesem Kriege. Schon im 6. Monate fliege er nun schon mit seinem Vogel von einer Stadt zur and(e)ren. In Reims habe er allein 178 Bomben geworfen. Über Dover 5 Bomben. Über Dünkirchen ebenfalls eine ganze Reihe u.s.w. Einmal sei er und sein Kamerad von

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2 englischen Fliegern verfolgt worden. Diese hätten mit einem Maschinengewehr ihren Apparat unter Feuer genommen. Da habe dann sein Beobachter seinen Karabiner genommen und 5 Schuss auf den ersten der Beiden abgegeben, und bei dem 5ten Schuss, habe sich der gegnerische Apparat nach unten gesenkt und sei senkrecht in die Tiefe gestürzt aus einer Höhe von 2000 m. Ich wandte mein Gesicht weg, als ich sah, dass er stürzte, so sprach der Feldwebel, denn ich konnte es nicht ansehen. Der and(e)re war auf 600 m von uns ab. Als er dieses sah, machte er schleunigst kehrt und verschwand so schnell er konnte. Der Feldwebel erzählte auch, dass er noch nie in seinem Leben so fromm gewesen sei, als jetzt in der Kriegszeit und dass er noch nie soviel gebetet habe, als in diesem Kriege. Einmal habe er 16 Schuss in seinen Apparat bekommen, jedoch ohne größeren Schaden zu verursachen. An diesem Apparat(,) den er jetzt führte, waren auch 2 Schuss zu sehen, die hatte er bei Dünkirchen bekommen und waren durch die Tragflächen gegangen. Die Schusslöcher waren wieder zugemacht, und mit Datum und

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Ort versehen, wo die Schüsse darauf gefeuert wurden. Als der Apparat ordentlich nachgesehen, mit Wasser, Öl und Benzin versehen war, wurde der Motor angelassen und nach wenig Augenblicken hob sich der stolze Vogel in die Luft, die allerdings noch etwas trübe war. Doch schon bald kam er zurück und landete wieder auf uns(e)rer Höhe, um erst am ander(e)n Morgen zu fahren. In der Hälfte des Februar kam ein Transport mit 300 Gefangenen. Verwundete, die ausgetauscht werden sollten. Hier in Namur am Bahnhof wurden alle nochmal von 6 Ärzten untersucht, und das Resultat war, dass nur 120 nach Hause kamen, und die ander(e)n ins Lazarett hier in Namur kamen. Da konnte man dann allerlei Elend sehen. Ich war gerade auf Bahnhofwache, und war somit Augenzeuge des Jammers von so vielen jungen Menschen. Bein(,) Arm, Augen u.s.w. Während der hl. Fastenzeit haben wir in uns(e)rer Kirche St. Loup des Freitags Fastenandacht mit Predigt, durch unsern Herrn Pfarrer Krupp. Es ist so erfreulich anzusehen, wie die Soldaten so fleißig zur Kirche kommen, um den göttlichen Heiland in seinem bitteren Leiden

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zu betrachten, und ihn dabei zu bitten, uns zu stärken in allen Leiden und Widerwärtigkeiten dieses Krieges. Der Herr Pfarrer Krupp versteht es aber auch durch seine einfachen, schlichten Worte(,) die Zuhörer an sich zu fesseln, ihre Herzen zum Mitleid mit dem göttlichen Heiland zu bewegen und Liebe u. Reue in die Herzen seiner lieben Kameraden, (wie er uns mit Vorliebe auf der Kanzel immer nennt) zu erwecken. Kein Wunder also, daß jeder(,) der abkommen kann, hin eilt zu ihm(,) um seinen Worten zu lauschen. Doch in den ander(e)n Kirchen ist auch des Abends Andacht, und zwar jeden Abend. In der einen um 6(,) in der ander(e)n um 7 Uhr. Doch muss ich die Kirche besuchen, in der die Andacht um 6 Uhr ist, denn um 7 Uhr ist Befehlsausgabe für die Korporäle. Die Andachten sind in den ander(e)n Kirchen größtenteils schwach besucht. Männer vermisst man auch hier wie immer in religiösen Sachen. So wenige sind zu sehen, sonst nur Frauen und Kinder. Am 3ten März sollte gemeinsamer Beichtgang sein für die katholischen Mannschaften. Wohl war dies schon 8 Tage vorher bekannt

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gemacht, durch Kommandantur Befehl. Doch werden solche Befehle tags vorher durch die Komp. extra gegeben. Dieses war nun unterlassen durch vergessen und so kam es, da auch die Korporäle oder einzelne Korporalschaften nicht viel für diese Sache gaben, dass nur einige von unsern kathol. Kameraden diesen Tag benutzten(,) um zu den Sakramenten zu gehen. Wir gingen zum Beichten am Nachmittag, und am andern Morgen um 6 1/2 Uhr zum Kommunizieren, um (um) 9 Uhr 45 wieder in der Kaserne zum Dienst zu sein. Doch taten wir dieses sehr gern, da gerade der 1te Freitag war. (Josephsbrüder). An diesem Tage musste nämlich unser Batl. die 2te kriegsstarke Komp. stellen nach Beveloo. Deshalb musste die Komp um 7 Uhr 45 antreten, und wurden die 57 Mann aufgerufen. Darunter meine Freunde aus Hamm. A. B. H. Die 5 Unteroffiziere waren schon vorher bestimmt worden, und waren schon 3 davon nach Beveloo um die Quartiere zu übernehmen, die ander(e)n 2 hatte man auf Wunsch noch

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2 Tage in Urlaub geschickt. Dass die Mannschaften oft so kurz vor der Zeit Bescheid bekamen, hat folgenden Grund. Bei dem ersten Transport(,) den unser Batl. stellen musste(,) war der Bescheid schon über 8 Tage vor der Zeit gegeben worden, und waren die Mannschaften, die fort mussten, bis zum Tag des Abrückens, von allem Dienst frei. Nun taten eine ganze Reihe von ihnen nicht ander(e)s als Abschied feiern von einem Tag auf den ander(e)n? Nun hatte ich damals bei der Osterkommunion der kathol. Mannschaften auf dem Komp. Bureau etwas merken lassen, ebenso war der Garnisonpfarrer beim Batl. vorstellig geworden, und so wird es gekommen sein, dass man bei der Abendmahlfeier der evg. Mannschaften besser gesorgt hat. Es waren aber nur 62 Mann(,) die sich meldeten zu dieser Feier. Doch wir kath. Mannschaften können jeden Donnerstag und auch Sonntag Morgen zur Beichte gehen(,) wenn wir dienstfrei sind. Auch hatten eine ganze Reihe den Wunsch unser(e)s Herrn Pfarrers erfüllt, von

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dem Weihesonntag ab jeden ersten Sonntag zu den Sakramenten zu gehen. So ist es für die kath. Mannschaften sehr gut bestellt. Diese Gelegenheit haben die evg. Kameraden nun nicht.






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